Schizophrenie

Zurück ins Leben

Mann mitte 40 lächelnd

Ein Interview mit W. Zett

 

Innenleben: Herr Zett, Sie sind schizophren. Dabei wirken Sie normal…

W. Zett: In dem weit überwiegenden Teil meines Lebens bin ich das wohl auch. Denn die Schizophrenie kommt in – eher seltenen – Schüben. Und selbst dann, wenn es soweit ist, würde man nichts sehen. Ich würde diese Art gesundheitlicher Störungen gerne als „mental“ bezeichnen, denn sie betreffen den unsichtbaren Verstand im Gegensatz zum Körper. In meinem Falle, kann ich zudem sagen, ich verfüge über eine gute Fassade. Mein Umfeld merkt oft erst sehr spät, dass ich erkranke. Und ich selbst habe, ab einem bestimmten Zeitpunkt, ebenfalls keine Krankheitseinsicht mehr; ich verliere die Kontrolle: Als verrückt erscheinen mir nun die anderen. Ich selbst bin doch normal! Das ist Teil der Krankheit. Im Grunde ein ganz typisches Symptom.

 

Innenleben: Je kränker Sie sind, desto gesünder fühlen Sie sich?

W. Zett: Genau! Und deshalb muss man sich auf seine Frühwarnsymptome konzentrieren. Das sind die ersten Anzeichen, mit der sich die Krankheit meldet. Bei mir bedeutet das, dass der Liebe Gott mir Botschaften aus dem Radio übermittelt – anhand passender Liedertexte setzt er sich mit mir persönlich in Verbindung. Wenn sich dieses Gefühl einstellt, muss ich handeln. Sonst ist es zu spät. Dann fühlt man sich verfolgt und sieht Gespenster. Die Aliens greifen an. Es gibt eine Weltverschwörung zur Vernichtung der Erde. Und nur ich kann das verhindern. Manch einer hört Stimmen oder sieht Dinge, die nicht da sind. Zum Schluss ist man für niemanden mehr zu erreichen und gehört eingewiesen… Wenn es einmal soweit ist, dann würden auch Sie – im intensiveren Umgang mit mir – etwas davon merken.

 

Innenleben: Die Schizophrenie wird als eine Persönlichkeitsspaltung verstanden.

W. Zett: Ja, dem Außenstehenden mag es so vorkommen, als habe er es mit verschiedenen Menschen zu tun. Entscheidend aber ist vielmehr die Eigenwahrnehmung des Kranken: Der empfindet sich selbst und seine psychotischen Momente nämlich nicht verschieden von dem Erleben in normalen Zeiten. Er ist zwar anders, aber er ist derselbe Mensch. Und genau das macht es für ihn so schlimm. Die Ereignisse der psychotischen Schübe sind präsent, und was ich im Wahn erlebe und tue, steht mir klar vor Augen. Es ist intensiver als das Meiste, das mir im gesunden Alltag begegnet. Und es ist verstörend, weil man es nicht zu beschreiben weiß. Nach mehreren akuten Schüben hatte ich keine Worte mehr, selbst im Alltag nicht…

 

Innenleben: Woher kommt diese Sprachverarmung?

W. Zett: Die Problematik, psychotisches Denken mit Worten zu beschreiben, ruht daher, dass es sich jeder Logik verweigert. Nur für den Kranken ergibt sich ein als schlüssig empfundenes Bild. Ist man hingegen wieder gesund, bleibt die Erinnerung an einen Augenblick, in dem alles von Bedeutung war. Aber was diese innere Logik ausgemacht hat – der Schlüssel dazu ist verloren. Das Resultat ist eben Sprachlosigkeit. Denn Sprache ist ja an den Verstand geknüpft – mit ihr lässt sich das Vergangene nicht greifen.

 

Innenleben: Was kann man dagegen tun?

W. Zett: Gegen meine Sprachlosigkeit habe ich begonnen zu schreiben. Ich wollte wieder in Kontakt treten mit der Welt und vor allem auch mit meiner Frau. Für sie Worte zu finden; das war meine Selbst-Therapie. Ich habe mich an meine Biographie gewagt; das war kein Zuckerschlecken; alles ist sehr nah und sehr persönlich. Und ich traf unerwartet auch auf die eine oder andere „Fliegerbombe“ aus dem letzten Weltkrieg. Anders formuliert: Ich musste mir selbst ins Gesicht sehen, und nicht immer ist das angenehm. Deshalb habe ich auch derzeit nicht das Ziel, den Text zu veröffentlichen.

 

Innenleben: Können Sie die rätselhaften Symptome Ihrer Krankheit noch genauer beschreiben?

W. Zett: Nun, es gibt viele verschiedene Symptome, denen man auf unterschiedlichste Art begegnen kann. Es gibt – als grobe Einteilung – die Plussymptomatik und die Minussymptome. Die Plussymptome sind die, die man gemeinhin als „verrückt“ versteht: Die Reihe ist endlos und es geht über Verfolgungswahn, Stimmenhören bis hin zur visuellen Halluzination. Sie umfassen alles, was „zu viel“ ist – zu viel und über das Wirkliche hinaus. Die Minussymptome hingegen bezeichnen einen Zustand, in dem Nichts mehr zu gehen scheint. Man hat von allem zu wenig: Zu wenig Elan, keinen Esprit. Keine Motivation, keine Kreativität und keine Lust am Leben oder auch die besprochene Sprachverarmung. Man liegt nur rum und schläft. Beide Zustände wechseln einander ab, wobei ich nicht beurteilen mag, welche Ausprägung die unangenehmere ist. In einem Falle ist man verrückt. Im anderen will man sich umbringen, hat aber die Kraft dazu nicht. Was davon ist nun besser?

 

Innenleben: Wie fühlt es sich an, wenn man mit Halluzinationen kämpft?

W. Zett: Ich habe Glück. Ich halluziniere nicht. Aber ich kann es mir aufgrund meiner eigenen Erfahrungen vorstellen, wie es wohl sein mag. Das Schlimme kommt hinterher. Man traut sich selbst nicht mehr über den Weg. Man glaubt seinen Empfindungen und seiner Wahrnehmung nicht mehr. Man fühlt sich von sich selbst betrogen, verraten und verkauft. Ein eindrucksvolles Beispiel für solche Halluzinationen ist folgende Begebenheit: Eine Frau steht im Wartezimmer eines Arztes; ein Mann bietet ihr einen Sitzplatz an, auf dem schon jemand sitzt. Die Frau weiß nun nicht, welche der beiden Personen ihre Halluzination ist: Der Mann, der da sitzt, oder der andere, der sie so höflich auf den Sitzplatz hinweist.

 

Innenleben: Was kann man tun, gegen eine solch komplexe Krankheit?

W. Zett: Das Schreiben hat mir geholfen, und auch der Umgang mit der Krankheit wird im Laufe der Zeit selbstverständlicher. Was früher eine Katastrophe war, wird nun zur handhabbaren Krise. Bei einem Rückfall kürzlich, habe ich mich selbst einweisen lassen. Ich wusste einfach, es ist so weit und habe mich in der Psychiatrie einquartiert. Als Belohnung für diesen Schritt, musste ich dann nicht länger als ein paar Wochen bleiben. Im Vergleich: Bei der ersten Attacke in den Neunzigern war ich für ein dreiviertel Jahr in der Klinik, und auf den akuten Schub folgte eine jahrelang andauernde Depression. Will sagen: Man kann also mit der Krankheit leben, wenn man sie akzeptiert und mit ihr umzugehen lernt. Und auch Medikamente sind eine wertvolle Hilfe. Ich selbst meditiere zudem; doch das soll kein Ratschlag für andere Patienten sein, denn es hilft nicht jedem. Schon gar nicht, wenn man meint, man müsse in einer akuten Phase damit anfangen. Dann kann es vielleicht sogar schaden. Bei solchen Erwägungen, sollte man also besser in Kontakt mit einem Arzt stehen. Dort findet man mach guten Rat.

 

Innenleben: Hadern Sie mit Ihrem Schicksal?

W. Zett: Weniger. Ich glaube, in jeder Krankheit steckt eine Botschaft. Sie ist das Päckchen, das ich zu tragen habe. Ich sage von mir selbst: Ich bin ein Mensch, der viel gelitten hat. Aber das tun andere auch und insofern bin ich ganz normal. Wissen Sie, ich vergleiche die schizophrene Psychose mit Krebs. Sie zwingt mich zu denselben Einsichten: Ich muss auf mich aufpassen. Ich muss auf mich hören, meinen Impulsen folgen und in Freiheit mein Leben genießen. Im Großen und Ganzen sollte ich mehr ich selbst sein…

 

Innenleben: Das kann man von fast jeder schwereren Krankheit sagen.

W. Zett: Eben. Aber bei der Schizophrenie ist diese Einsicht wohl von größerer Dringlichkeit. Denn die Psychose findet im Kopf statt. Bei einer körperlichen Erkrankung kann man sich immer auf das Geistige zurückziehen, wenn die Schmerzen nicht übermächtig sind, und das Denken unmöglich machen. Im Falle der seelischen Gebrechen aber liegt der Kern der Erkrankung genau da, wohin man sich eigentlich flüchten möchte – mitten im eignen Schädel.

 

Innenleben: Möchten Sie abschließend noch etwas bemerken?

W. Zett: Tatsächlich werden in Krisenzeiten mehr Menschen eingewiesen als im Normalfall. Wir Verrückte nehmen die Realität anders wahr. Wir machen sogenannte Grenzerfahrungen und sehen die Welt aus anderen Augen. Wir leiden direkt unter Krieg und Krisen, unter Terror, Klimawandel und anderen Katastrophen. Für uns ist das alles anfassbar, selbst wenn es sonst wo stattfindet. Wir können das Geschehen nicht verdrängen, so wie Sie. Die Bilder laufen in den Köpfen und im Herzen weiter, auch wenn der Fernseher mit dem Nachrichtenprogramm endlich ausgeschaltet ist. Wir sind ängstlicher als andere. Wahrscheinlich sind wir auch sensibler. Man sollte auf uns hören!

 

Innenleben: Herr Zett, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

W. Zett: Ich habe zu danken.