Schizophrenie

Symptome erkennen – und richtig handeln

Mann mitte 40 grauer Bart lächelnd

SCHIZOPHRENIE. Betroffene sprechen ungern über Ihre Krankheit. Grund: Nicht selten wird sie mit einer gespaltenen Persönlichkeit oder verminderter Intelligenz in Verbindung gebracht – irrtümlicherweise. Schuld daran sind geringe Aufklärung und falsche Auslegungen der Krankheitssymptome. Schizophrenie gehört zu den Psychosen und kann eine schwerwiegende psychische Erkrankung sein, wenn sie nicht frühzeitig erkannt beziehungsweise behandelt wird.

 

InnenLeben hat nachgefragt, bei dem Experten Prof. Dr. Wolfgang Maier. Er ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn und Sprecher des Kompetenznetzes Degenerative Demenzen. Hier erklärt er, wie die Erkrankung entstehen kann, welche Symptome auftreten und die Therapiemöglichkeiten.

 

Prof. Dr. med. Wolfgang Maier

Unser Interviewpartner:

Prof. Dr. med. Wolfgang Maier

Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn und Sprecher des Kompetenznetzes Degenerative Demenzen.

Über 800.000 Menschen leiden in Deutschland an einer Schizophrenie

Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen, wobei die Krankheit bei Männern in der Regel früher ausbricht. Der Zeitpunkt der Ersterkrankung liegt bei ihnen zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr, bei Frauen etwas später.

Mögliche Ursachen

„Eine Schizophrenie entsteht oft durch eine leichte Abwandlung in der Hirnentwicklung“, erläutert Prof. Dr. Maier und fügt hinzu: „Während der Hirnentwicklung, also bis Anfang des dritten Lebensjahrzehnts ist das Gehirn besonders anfällig für Einflüsse umgebungsbezogener Risikofaktoren – wie zum Beispiel Cannabis und urbanen Stress; dasselbe gilt erst recht für Geburtskomplikationen wie Sauerstoffmangel und für vorgeburtliche schädigende Einflüsse wie Rauchen, Vitaminmangel oder eingreifende Stress-Erfahrungen seitens der Mutter“. Zu den möglichen weiteren Ursachen gehören Vererbung durch Vater oder Mutter, familiäre beziehungsweise soziale Faktoren sowie belastende Lebensereignisse. In selteneren Fällen kann die Erkrankung auch in späteren Lebensjahren entstehen, so zum Beispiel bei Frauen durch hormonelle Probleme während der Menopause.

Die Krankheit früh erkennen

Die Erkrankung zeichnet sich meist schon früh ab. Bevor sie ausbricht können noch Jahre vergehen. Da sich die Symptome in diesem Vorstadium deutlich von denen einer akuten Krankheitsepisode unterscheiden, wird die Schizophrenie häufig nicht erkannt und zu spät behandelt. „Plötzliche Leistungsschwäche in der Schule und Verhaltensänderungen können auf eine den schleichenden Beginn der Erkrankung hindeuten“, sagt Prof. Dr. Maier. „Natürlich interpretiert man solche Symptome meist anders. So werden die Gründe beispielsweise im sozialen Umfeld gesucht oder auf ein spätpubertierendes Verhalten geschoben, aber manchmal handelt es sich eben um die ersten Krankheitszeichen“.

Erste Symptome – meist nicht charakteristisch

Auch die weiteren beschriebenen Symptome sind in der Regel nicht charakteristisch für eine Schizophrenie. Dazu gehören Schlafstörungen und Ängste, depressive Stimmungen und Antriebslosigkeit sowie Konzentrationsstörungen, Wahrnehmungsveränderungen, Fremdheitsgefühle und ein schleichender Rückzug aus dem sozialen Leben. „Auch wenn in dieser Phase die Krankheit noch nicht ausgebrochen ist, sinkt die Lebensqualität und es entstehen zwischenmenschlichen Probleme bekommen Betroffene bereits Probleme“, erklärt Prof. Dr. Maier und ergänzt: „Das soziale Leben leidet. Freundschaften zerbrechen und die soziale Interaktion bleibt aus“.

Krankheit – die Symptomatik verändert sich

Bricht die Krankheit dann endgültig aus, sprechen die Experten von einem akuten Schub oder einer akuten Phase. Bei den Betroffenen können Wahnvorstellen und Sinnestäuschungen (Halluzinationen) auftreten. Manche fühlen sich verfolgt, bedroht und haben Angst. „In der Regel gehören zu der Kernsymptomatik auch Denk- und Gedächtnisstörungen, Reizbarkeit oder Apathie. Viele Betroffene zeigen zudem untypische Verhaltensweisen“, so Prof. Dr. Maier. Eine akute Phase dauert oft Wochen. Die gute Nachricht lautet jedoch: Die Schizophrenie lässt sich in der Regel relativ gut behandeln.

Therapie – Medikamente und Psychotherapie

Je früher die Therapie beginnt, desto günstiger die Prognose, so die Meinung vieler Experten. Eine Schizophrenie wird mit Medikamenten und Psychotherapie behandelt. In der akuten Krankheitsepisode kommen zunächst Medikamente zum Einsatz. Sie wirken in dieser Phase vor allem gegen psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Ist der Patient stabilisiert, kommt vermehrt die Psychotherapie zum Einsatz. Die Therapie folgt stets der aktuellen Leitlinie.

Medikamente – Patienten-individuell

Medikamente lassen die Symptome abklingen. Meist kann innerhalb weniger Tage bereits eine Besserung erzielt werden. Bei den Medikamenten gegen Schizophrenie handelt es sich um sogenannte Neuroleptika beziehungsweise Antipsychotika. In den meisten Fällen beginnt der behandelnde Arzt mit einer niedrigen Dosierung. Wirkt diese nicht, kann er die Dosierung steigern oder auf andere Medikamente oder Medikamentengruppen zurückgreifen. In Frage kommen beispielsweise sogenannte Sedativa oder Antidepressiva. Ist eine Langzeittherapie angezeigt, stehen den Patienten Depotspritzen zur Verfügung. „Eine regelmäßige Einnahme ist entscheidend. Unregelmäßige Medikamenteneinnahme oder -pausen führen oft zum Wiederauftreten von akuten Wahnsymptomen und von Sinnestäuschungen. Solche Folgen müssen sich nicht zeitnah zum Absetzen des Medikaments ereignen, oft treten sie erst nach mehreren Monaten auf. Depotpräparate stellen daher ein wichtige Hilfe dar, um die notwendige Medikamenten-Treue aufrechtzuhalten“, sagt Prof. Dr. Maier.

Psychotherapie – was genau passiert

Haben die Medikamente den Patienten stabilisiert, rückt die psychotherapeutische Behandlung in den Vordergrund. Der Psychiater erklärt dem Betroffenen seine Krankheit. Ziel ist, dass er selbstständig, mit herausfordernden Lebens- und Umweltbedingungen, Zeichen eines Krankheitsrückfalls zu erkennen und darauf sofort reagieren kann. Rückfälle werden damit weniger wahrscheinlich. Des Weiteren lernen Patienten, dass sie wieder einen vertrauensvollen Zugang zu anderen Menschen finden und aufrecht zu erhalten. Experten raten zudem zu einer Teilnahme von Angehörigen. Auch sie werden umfassend informiert und damit in die Lage versetzt, Symptome rechtzeitig zu erkennen und einen Rückfall zu verhindern.