Burnout. Ein Betroffener berichtet.

Schalte das Smartphone doch mal aus!

Handy aus Pappe mit Text schalt mich aus

BURNOUT. Digitalisierung, neue Medien, zunehmender Wettbewerb und Globalisierung. Die Anforderungen in der Arbeitswelt nehmen zu, Aufgabenstellungen werden komplexer, die Belastungen für Arbeitnehmer steigen seit Jahren. In immer kürzerer Zeit soll immer mehr geschafft werden. Smartphones sorgen für eine ständige Erreichbarkeit und Kontrolle. Es gilt zudem flexibel und mobil zu sein. Auslandseinsatz? Na klar! Ständige Weiterbildung? Aber sicher! Zielvereinbarungen und Bonuszahlungen treiben an. Und Personalabteilungen locken mit unterschiedlichsten Förder- und Entwicklungsprogrammen. Wer weiterkommen will, muss durchs Assessment-Center. Wer durchfällt, tritt bis zur Rente auf der Stelle. Stress pur!

 

All das spiegelt den ganz normalen Wahnsinn eines typischen deutschen Unternehmens wider, egal welcher Branche. Wehe dem, der diesem Druck nicht dauerhaft standhält. Thomas M. konnte davon ein Lied singen. Er arbeitete in einem solchen Unternehmen. Er beschreibt sich selbst als ehrgeizig, zielstrebig und gewissenhaft. Eigenschaften, die ein Arbeitgeber schätzt. Für ihn wurden sie zum Verhängnis. Thomas M. erzählt in InnenLeben, wie es bei ihm Schritt für Schritt zur totalen Erschöpfung – zum Burnout – kam. Da er sehr offenherzig und unverblümt darüber berichtet, möchte er anonym bleiben. Auch das Unternehmen, um das es geht, nennt er verständlicherweise nicht.

 

Als ich vor 12 Jahren in den Konzern kam, da war die Welt noch in Ordnung. Ich hatte Großes vor. Wollte Karriere machen. Viel Geld verdienen. Das Unternehmen erschien mir für diese Vorhaben genau das richtige zu sein. Mein Einstiegsgehalt war für Akademiker überdurchschnittlich hoch. Es gab zahlreiche Weiterentwicklungsmöglichkeiten, regelmäßige Feedbackgespräche und Gelegenheiten für Auslandseinsätze. Ab einem bestimmten Status erhielt man einen Dienstwagen. Kurzum: Ich war bis in die Haarspitzen motiviert.

 

Vom Ehrgeiz getrieben

Nach 14 Tagen bekam ich bereits ein Firmenhandy. Gut, das passte ja auch zu meiner Aufgabenstellung – als Pressesprecher. Ich musste schließlich für Journalisten gut erreichbar sein. Und das war ich auch. Wie sich nach einiger Zeit herausstellte, nutzten dies auch mein Vorgesetzter und meine Abteilungskollegen. Toll! Ich konnte nun jedermann zeigen, wir fleißig und engagiert ich war. Wenig später wurde dann das Handy durch ein Smartphone ersetzt. Nun empfing ich E-mails auch zuhause – jederzeit. Noch besser! Ich ließ ganz bewusst Vorgesetzte, Kollegen und auch Vorstände an meinen Aktivitäten teilhaben, cc und bcc machten es möglich. Schaut her, ich arbeite rund um die Uhr, auch am Wochenende – das war meine Botschaft.

 

Es ging voran

All das zahlte sich aus. Nach drei Jahren bekam ich einen Dienstwagen. Acht Monate später wurde ich außertariflicher Angestellter und Führungskraft. Die Höhe meines Gehalts bestimmte sich von nun an auch teilweise durch meine persönliche Leistung. Diese wurde von meinem Vorgesetzten eingeschätzt. Insgesamt verdiente ich deutlich mehr. Ich war glücklich, so dachte ich.

 

Der Stress nahm zu

Die Aufgabenstellungen wurden von nun an komplexer und zahlreicher. Zusätzlich beanspruchten mich meine Mitarbeiter. Jeder wollte etwas, und ich konnte nichts dagegen machen. Wie gewohnt lieferte ich pünktlich und vollständig ab. Mein Aufwand dafür wuchs kontinuierlich an. Arbeitet ich vor meiner Beförderung durchschnittlich 9-10 Stunden am Tag, kam ich mittlerweile locker auf 12. Mein Problem war, dass ich es allen recht machen wollte. Niemand sollte sagen oder denken, ich würde die Dinge nicht anpacken und rechtzeitig liefern. Viel zu spät merkte ich, dass mir genau diese Einstellung zu Verhängnis wurde.

 

Arbeit – mein Leben

Die Monate und Jahre vergingen. Ich geriet in einen Sog, gegen den ich nicht ankämpfte: Die Arbeitswelt vereinnahmte mich immer mehr. Abschalten war kaum noch möglich. Am Wochenende und selbst im Urlaub war ich ständig im Einsatz, meinte, ohne mich ginge es nicht. Mein Privatleben reduzierte sich auf das gemeinsame Abendessen, zwei- bis dreimal in der Woche. Öfter schaffte ich es nicht pünktlich nach Hause. Die Arbeit war mein Leben.

 

Erste Einschläge

Immer öfter stritt ich mit meiner Frau. Es ging stets um meine Präsenz in der Familie. Ihre Beschwerden waren vollkommen gerechtfertigt. Ich sah unsere Kinder viel zu selten, spielte viel zu wenig mit ihnen. Und wenn, dann war ich meist nicht richtig bei der Sache. Ich wollte das lange Zeit nicht wahrhaben. Schließlich bekleidete ich ja eine wichtige Position im Unternehmen, verdiente viel Geld, sorgte für unseren Wohlstand. Doch dann kamen die ersten Einschläge. Völlig unvermittelt hatte ich plötzlich ein hochfrequentes Piepen im Ohr. Tinnitus! Ich kam an den Tropf. Blieb mehrere Tage im Krankenhaus. Mein Arzt riet mir dazu, kürzer zu treten, Stress zu vermeiden. Ich hörte nur kurz auf ihn. Dann hatte mich die Arbeitswelt wieder.

 

Symptome wurden ignoriert

Etwa vier Monate nach diesem Vorfall stellten sich dann die ersten Symptome ein. Ich wurde reizbarer, war schnell unzufrieden und konnte mich an nichts mehr richtig erfreuen. Privat fehlte mir jeder Antrieb. Zudem war ich ständig müde, konnte dennoch schlecht einschlafen und hatte beständig Rückenschmerzen. Ich bemerkte das zwar, schob es jedoch auf außerordentliche Vorkommnisse in der Arbeit: Ich hatte einen neuen Chef bekommen, der sich als schwieriger Charakter darstellte. Gleichzeitig kündigten zwei Mitarbeiter. Deren Arbeit musste ich zu größten Teil übernehmen. Manchmal arbeitete ich das ganze Wochenende durch. Völlig vernebelt, von meinem Ehrgeiz.

 

Der Körper streikte

Ich lebte mit den Symptomen. Gewöhnte mich daran. Telefonierte und mailte noch mehr, jederzeit, überall. So vergingen weitere Monate. Nach etwa einem Jahr war es dann soweit. Es stellten sich handfeste körperliche Probleme ein. Ich bekam Schwindelanfälle, Bauchschmerzen, Herzklopfen und war objektiv schwach. Das morgendliche Aufstehen wurde zur Qual. Ich ging zum Arzt. Er sprach lange mit mir und überwies mich zu einem Psychiater. Das gefiel mir anfangs nicht, war ich doch ein knallharter Manager. Wie sollte ein Psychiater meine Beschwerden kurieren?

 

Diagnose: Total erschöpft

Der ersten Sitzung stand ich entsprechend skeptisch gegenüber. Das legte sich jedoch schnell. Der Mann hörte mir genau zu. Fragte viel über meine berufliche und private Vergangenheit. Ungefähr nach einer Stunde zählte er dann weitere Symptome meiner Erkrankung auf: Innere Leere, Lustlosigkeit, Frustration und Unzufriedenheit. Alles traf auf mich zu. Interessant! Ich war erstaunt. Er erklärte mir, dass meine Persönlichkeit, mein Charakter beziehungsweise meine Einstellung zur Arbeit und mein bisheriger Lebenswandel nicht zu meinem derzeitigen Job passen. Ich war zu perfektionistisch. Und deshalb hatte ich nun einen Burnout, war ich total erschöpft.

 

Ich befreite mich

Ich musste dringend pausieren. Brauchte Abstand von allem. Diese Diagnose war eine totale Erleichterung für mich. Denn ich begriff das, was der Psychiater mir gesagt hatte. Ich schickte die Krankmeldung ans Sekretariat und stellte mein Smartphone aus, tagsüber, das erste Mal seit mindestens fünf Jahren. Ich durchtrennte die Nabelschnur. Es war wie eine Befreiung. In weiteren Sitzungen arbeiteten wir alles auf und diskutierten Lösungen.

 

Wieder leben

Ich war fast ein halbes Jahr außer Gefecht. Dann schaltete ich das Smartphone wieder an. Ich löschte über 1.500 E-Mails – ungelesen. Die Anrufe in Abwesenheit ignorierte ich. Als erstes suchte ich ein vertrauliches Gespräch mit der Personalabteilung. Ich berichtete meiner zuständigen Personalreferentin von meiner Erkrankung – und vor allem von meiner neuen Einstellung zur Arbeit: Ich würde zukünftig mehr delegieren, auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit achten und einen richtigen Feierabend machen. Nach Verlassen des Büros würde ich das Smartphone ausstellen und Aufgaben nur annehmen, wenn sie auch im Rahmen der Arbeitszeiten zu schaffen sind. Die Personalreferentin nickte alles ab.

 

Schauen was glücklich macht

Um es kurz zu machen: All das funktionierte nur kurz. Der Druck meines Arbeitsumfeldes wurde schnell wieder zu groß. Mein Vorgesetzter ignorierte meine Krankheitsgeschichte völlig. Es gibt halt viele Arschlöcher, und die sollte man meiden. Das tat ich dann auch. Ich kündigte und suchte mir ein mittelständisches Unternehmen. Ich schaute beim Bewerbungsgespräch ganz genau hin. Versuchte die Unternehmenskultur zu ergründen. Ich wollte nicht vom Regen in die Traufe kommen. Ich hatte Glück. Heute leite ich zusammen mit einem sehr netten Kollegen die Unternehmenskommunikation eines 300-Mitarbeiter-Unternehmens. Meine Arbeitszeiten sind geregelt. Einen Firmenwagen gibt es nicht, das Gehalt liegt 20 Prozent unter meinem letzten. Das Smartphone ist ab 18.30 Uhr aus. Ich habe ausreichend Freizeit. Nun bin ich wieder Mensch. Nun bin ich glücklich.