Schizophrenie

Rolands Reise

Mann betrachtet landendes Passagierflugzeug

Roland ist kein Träumer, kein „Hans guck in die Luft“, keiner, der nicht wüsste, was er will. So spart er eisern für seine große Reise. Und sparen muss er, denn Roland ist Pflastermaler und das Geld ist immer knapp. Doch das Reiseziel steht unverrückbar fest: Einmal im Leben einen Bürgersteig in Tokyo bemalen…

 

Nichts gegen seine kleine, deutsche Heimatstadt! Wirklich nicht. Roland kennt dort  jeden Pflasterstein, und er kann nicht meckern. Aber Rolands heimliche Liebe war nun mal eben Japan. Japan? Warum? Karate, Zen und Kyoto – heilige Stadt der Tempel und Klöster… Kyudo, Bonsai und Feng-Shui. Japan, das „Muss“ in seinem Leben.

 

Roland steht am Flughafen und studiert die Billigangebote. Wenn er erst in Tokyo ist, wird er sich schon durchschlagen. Roland vertraut ganz und gar auf seine Kunst. Doch plötzlich hat er eine Eingebung. Die Schilder des Flughafens verkünden sämtlich eine ganz geheime Botschaft. Etwas, das nur er erkennt.

 

Es sind die Pfeile, die in eine Richtung deuten. Roland muss ihnen dringend folgen. Sie verweisen auf ein Komplott zur Vernichtung der gesamten Erde: Eine Sekte betreibt den Weltuntergang. Und nur Roland kann etwas dagegen tun. Nur Roland kann den Planeten retten! Roland ist Gottes auserwählter Sohn. Nicht mehr und nicht weniger. Vor allem nicht weniger! 

 

Und die Pfeile führen ihn zum Abflugbereich. Dort, von wo aus man in jede Himmelsrichtung reisen kann. Roland will einen Flug nach Südafrika besteigen. Die Pfeile haben es so entschieden, und Roland muss ihnen gehorchen. Dabei hat er nicht einmal ein Ticket. Die nette Bedienstete versucht es noch mit Worten. Dann ruft sie die Polizei.

 

Zwei Beamte reden nun auf Roland ein, und der weiß sich nicht zu helfen; seine gesamte Mission ist in Gefahr! Morgen geht die Sonne nicht mehr auf, wenn er jetzt nicht fliegen darf. Und plötzlich schlägt er zu! Es gibt ein Gerangel. Man nimmt Roland in den Schwitzkasten und legt ihm Handschellen an. Kaltes Metall.

 

So gerät Roland in die Psychiatrie statt nach Japan. Er willigt in eine Behandlung ein, weil er hofft, dass man ihn auf diese Art schneller wieder entlässt. Man gibt ihm Tabletten, die er widerwillig schluckt. Wann immer es geht, behält er sie im Mund und spuckt sie später aus. Und der Wahn vergeht – wenn auch viel, viel, viel zu langsam…

 

Dann gilt es, Roland einzuschätzen, und man hält ihn endlich für stabil, zumal Roland inzwischen weiß, was er wem sagen darf und was wohl besser nicht. Und so schickt man ihn hinaus in die Welt. Zu früh! Denn hier setzt Roland die Tabletten ganz ab; er geht nicht mal mehr in die Apotheke, geschweige denn  zum Arzt.

 

Bald ist er wieder in der Klinik. Der betreuende Arzt sagt es ihm ganz deutlich: Roland soll niemals in die Fremde reisen. Das Risiko sei schlicht zu groß. Für Roland ein Schock. Ein Augenöffner. Ein Wendepunkt in seinem Leben. Roland darf nicht nach Japan! Hilfe! Kann man nichts dagegen tun?!

 

Roland geht es diesmal besser, als man ihn entlässt. Er nimmt seine Tabletten – meistens. Und geht auch öfter mal zum Arzt. Nur seine Lebensqualität ist jetzt dahin. Der Spaß ist weg. Die Motivation und der gelegentliche große Wurf beim Malen. Roland ist gesund, ja, doch es geht ihm dabei schlecht.

 

In der Praxis seines Psychiaters liegen Fachzeitschriften aus. Roland stöbert und wird fündig. Es gibt ein modernes Präparat am Markt. Hilfreich, und sein Psychiater hatte ihm auch schon dazu geraten… Die Depotspritze. Mit ihrer Hilfe mag Roland den eigenen inneren Schweinehund überlisten. Keine Tabletten mehr. Einmal im Monat eine Injektion, und dann ist alles gut!

 

Jedoch: Die Spritze ist ein Eingriff in sein Leben. Sie nimmt ihm seine Selbstbestimmtheit und seine Souveränität. So eine Spritze ist – einmal im Körper – eben in ihm drin! Will er das wirklich? Will er die Oberhoheit über sich so einfach abgeben? Will er überhaupt ein Medikament? Was ist der Preis, und was ist der Nutzen? 

 

Ein paar Jahre sind vergangen. Roland steht am Flughafen; im Gepäck Kreide, den Mann mit dem Goldhelm  als Ausriss aus einem Bildband – sowie die Mona Lisa. Träfe er jetzt die Bedienstete von einst, er würde sich bei ihr entschuldigen. Ja, Roland ist reisefähig. Er hat sich lange schon für die Spritze entschieden. Das Risiko ist damit überschaubar. Roland kann fliegen und genau das wird er tun!