Totale Erschöpfung: Viele Arbeitgeber beugen zu wenig vor!

Nordzucker – Ein Unternehmen kümmert sich

Nahaufnahme Händeschütteln Anzugträger

BURNOUT. Die Hauptursache ist Überlastung im Beruf. Die Zahl der Betroffenen nimmt immer weiter zu. Das wundert nicht, steigen doch die Anforderungen an Arbeitnehmer stetig. Das Tempo erhöhte sich in den letzten zehn Jahren rapide, etwa durch die Einführung digitaler Arbeitsprozesse, ständige Erreichbarkeit mittels Email und Firmenhandy oder Verschlankung der Belegschaft. Auszeiten – um abzuschalten und zu entspannen – bleiben auf der Strecke. Zuweilen scheint es, einigen Unternehmen seien Effizienzkennzahlen wichtiger, als die Gesundheit ihrer Mitarbeiter.

 

Dabei wäre das sehr kurzsichtig gedacht. Denn kommt es zum Burnout, fällt der Betroffene nicht selten viele Monate aus. Die Arbeitszufriedenheit leidet, oft sind innere Kündigungen beziehungsweise Abwanderungen die Folge. Für Arbeitgeber gilt es also gegenzusteuern, und zwar ernsthaft – zum Wohle aller. Doch viele erkennen dies nicht. Stattdessen machen sie Alibi-Angebote, wie ein Handyverzicht ab 18:00 Uhr, um sich so öffentlichkeitswirksam als sorgender Arbeitgeber zu inszenieren. Ganzheitliche Ansätze sind selten zu finden.

 

Ein Unternehmen das es tatsächlich ernst zu nehmen scheint mit der Gesundheit seiner Belegschaft, ist die Nordzucker AG im niedersächsischen Braunschweig. InnenLeben war vor Ort, hat mit Vertretern gesprochen und sich im Unternehmen umgeschaut. Heraus kam: Nordzucker praktiziert ein Mitarbeiter-Wohlfühl-Konzept, das noch mehr kann als Burnout-Prophylaxe.

 

Die folgende Reportage zeigt eine mustergültige Krankheitsvorsorge eines Arbeitgebers. Sie hilft potentiell Betroffenen im Arbeitsalltag richtig zu handeln, sensibel zu sein – und nicht in die Burnout-Spiral zu geraten.

 

Nordzucker ist ein Unternehmen mit langer Tradition und zweitgrößter Zuckerproduzent Europas. Über 3.000 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro. Die Eigentümerstruktur ist konservativ geprägt. Moderne Mitarbeiterkonzepte vermutete man hier eher nicht. Weit gefehlt. Bereits beim Betreten der Zentrale, in der Braunschweiger Innenstadt, wird klar: Hier handelt es sich nicht um ein typisches Bürogebäude.

 

Lächeln und Licht

Der Eingangsbereich ist großzügig bemessen. Edle Materialien wurden verbaut, die Sonne scheint herein – große Glasfronten machen das möglich. Die Dame am Empfang lächelt mich an: „Guten Morgen, nehmen sie doch bitte solange Platz. Ihre Ansprechpartner kommen sofort“. Ich mache es mir auf einem Ledersofa neben einem zwei Meter großen Zuckermolekül bequem. Gummibärchen und Bonbons liegen aus. Ich beobachte ein buntes Treiben: Menschen begegnen sich hier. Sie grüßen, meist aufgeschlossen und freundlich, und nur selten der Form halber, so meine Wahrnehmung. Einige bleiben für einen kurzen Plausch stehen. Vieles wirkt geradezu familiär. Diesen Eindruck unterstreichen auch meine zwei Ansprechpartner, die mich zu den Besprechungsräumen führen. Gemeinsam holen wir erstmal einen Latte Macchiato, frisch gezapft aus einem Kaffeevollautomaten, zugänglich für jedermann, kostenlos. Danach geht´s in den Besprechungsraum. Auch dort Glaswände, Sonnenlicht. Hier möchte ich bleiben.

 

Sehr gemütlicher Aufenthaltsraum mit Sofa und Tisch

Foto: Nordzucker ©

 

Man hört zu

Melanie Walter, aus der Personalabteilung, ist zuständig für Social Affairs, also für soziale Angelegenheiten. Sven Weber begleitet sie. Er leitet die Kommunikationsabteilung und hat mir den Kontakt vermittelt. Ich stelle mich und mein Anliegen vor. Beide hören gut zu, unterbrechen nicht, schauen mir ins Gesicht. Eine wichtige Kommunikationsregel für die soziale Interaktion. Wertschätzend. Jedoch selten angewandt. Ich fühle mich wohl.

 

„Es gibt bei uns kein spezifisches Anti-Burnout-Programm. Wir betrachten unsere Mitarbeiter und ihr Umfeld ganzheitlich: Denn wir wissen, dass alles was Menschen erleben beziehungsweise was sie zu bewältigen haben und was sie beschäftigt, im Alltag oder privat, Einfluss auf ihr Wohlbefinden hat. Hier setzt unser Konzept an, das aus diesen Gründen sehr breit aufgestellt ist“, erklärt Melanie Walter.

 

Work-Life-Balance: Wo der Mitarbeiter Mensch sein kann

Seit 2011 setzt Nordzucker daher sein sogenanntes Work-Life-Balance Konzept um. Letztendlich zielt es darauf, Familie und Privatleben mit dem Beruf in Einklang zu bringen. Die Umsetzung erfolgte im engen Dialog mit den Mitarbeitern.

 

Die heute zur Verfügung stehenden Angebote können sich sehen lassen. Einige entlasten den Arbeitnehmer rund um seine privaten Alltagsprobleme, andere fördern unmittelbar das Wohlbefinden im Unternehmen oder unterstützen aktiv die Pausengestaltung. „Auch kleine Gesten haben manchmal eine große Wirkung. So bieten wir täglich kostenlos frisches Obst an und haben dafür viel Lob bekommen“, sagt Melanie Walter.

 

Körper und Seele stärken: Das „Auszeit-Konzept“

Nordzucker hat seinen Mitarbeitern vielfältige Möglichkeiten einer sinnvollen Pausengestaltung geschaffen. „Wir glauben, dass Körper und Seele hin und wieder eine Auszeit benötigen. Zudem ist es wichtig, dass beide im Einklang stehen“, betont Melanie Walter und fügt hinzu: „ Was nützt ein gesunder Geist in einem ungesunden Körper? Wir kümmern uns um beide“. Stolz berichtet sie mir von einem modernen Trainingsgerät, einer Vibrationsplatte. Ein Launch- und ein Betreuungsbereich für Kinder stünden zur Verfügung. Zudem würden ein Reinigungs- und Bügelservice sowie Physiotherapeutische Behandlungen angeboten. Das macht mich neugierig. Meiner Bitte, nach einer Führung durch die entsprechenden Räumlichkeiten, kommen beide bereitwillig nach.

 

Mit dem Kind am Arbeitsplatz

Als Kinderzimmer eingerichteter Aufenthaltsraum

Foto: Nordzucker ©

Ich folge ihnen in ein Treppenhaus, hinunter ins Erdgeschoss. Dort angelangt steuern wir auf vier Glaskabinen zu. Es handelt sich dabei um Raucherkabinen. So etwas habe ich in Unternehmen noch nie gesehen. „Wir fördern damit ja nicht das Rauchen. Wir bieten nur eine Alternative zum Gang auf die Straße, gerade im Winterhalbjahr und bei Regen“, entgegnet Melanie Walter meinem skeptischen Blick. Zwei Ecken später kommen wir in einen großen Raum. Ich staune: Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Kinderzimmer. Erst bei genauerer Betrachtung nehme ich zwei Schreibtische mit PC beziehungsweise Arbeitsplätze wahr. „ Hier unterstützen wir Familien mit einem Betreuungsnotstand. Eltern kümmern sich um ihre Kinder während sie arbeiten“, erklärt Melanie Walter mit einem zufriedenen Ton. Es fehlt nichts: Tischchen, Turnmatten, Spielsachen, eine Kreidetafel, selbst Betten für den Mittagsschlaf lassen sich aus dem Schrank klappen – kinderleicht. Toll!

 

 

 

 

 

Gemütlich und elegant eingerichteter Aufenthaltsraum

Foto: Nordzucker ©

Geräumiger Kleiderschrank

Foto: Nordzucker ©

 

Es wird gebügelt, gereinigt und vibriert

Zurück auf dem Flur öffnet Sven Weber eine größere Schranktür. Ich sehe Hemden und Hosen hängen, sauber und gebügelt. Und Beutel. „Da ist alte Wäsche drin“, klärt er auf. Lästiges Bügeln und das Entfernen hartnäckiger Flecken überlässt Nordzucker zweimal wöchentlich einem lokalen Dienstleister. Mitarbeiter können sich hier für kleines Geld von diesen lästigen Alltagsangelegenheiten befreien. „Auch das ist ein weiteres Beispiel für ein kleines Angebot mit großer Wirkung“, kommentiert Melanie Walter. Eine große Wirkung auf mich hat der Inhalt des nächsten Raums. Dort steht eine sogenannte „Powerplate“. So etwas kenne ich: Es handelt sich dabei um ein modernes Fitnessgerät, äußerst effektiv. Auf einer Vibrationsplatte trainiert der Nutzer innerhalb kürzester Zeit, etwa in zehn Minuten, seinen gesamten Körper. Spezielle Fitnessstudios lassen sich Powerplate-Anwendungen teuer bezahlen. Bei Nordzucker gibt es das umsonst. Wow!

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Training: Massagebank oder Cocktail?

Fitnessraum mit Geräten

Foto: Nordzucker ©

Im nächsten Raum steht eine Massagebank. Natürlich, nach dem Training die Muskeln lockern lassen. Ich muss schmunzeln. Nicht, weil ich ein derartiges Angebot für übertrieben halte. Nein, ganz im Gegenteil: weil es so konsequent zu Ende gedacht ist. Selbst physiotherapeutische Behandlungen kann man hier buchen. Walter und Weber beobachten meine Reaktion. „Unser Rundgang ist aber noch nicht beendet“, höre ich sie sagen. Ich bin gespannt, was ihr Auszeit-Angebot noch bereithält. Wir gehen einen Raum weiter. Ich befinde mich in einer Lounge. Stilvoll und zugleich gemütlich. Rattan, Holz, Kissen gedämpftes Licht. Sehr einladend. „Zeitschriften liegen bereit. Dazu kann ein Nespresso getrunken und Musik gehört werden“, sagt Sven Weber. Ich muss unweigerlich an Cocktails denken. Die würden hier ebenfalls perfekt hinpassen. Perfekt zum Abschalten. Kurz vergesse ich, dass ich mich in einem Unternehmen befinde.

 

 

 

 

 

Massageraum mit Liege

Foto: Nordzucker ©

 

 

Licht für das Gehirn?

Zu guter Letzt kommt dann noch ein Knaller: Brainlight. Hinter einer verschleierten Glastür verbirgt sich ein kleiner Raum, in dem ein Massagesessel steht. Es handelt sich um eine audio-visuelle Entspannungseinheit. Während der Ganzkörpermassage werden dem Körper entspannende Klänge und Wärme zugeführt. „Zehn Minuten wirken wie zwei Stunden Schlaf. Man schaltet vollkommen ab“, beschreibt Melanie Walter die Funktionsweise und ergänzt begeistert: „Effektiver kann man kaum entspannen – geistig und körperlich“. Alles klar. Ein solches Angebot für Mitarbeiter ist mir in 30 Jahren als Arbeitnehmer noch nicht untergekommen. Sicherlich nutzen nicht alle Mitarbeiter diese Möglichkeiten. Aber ihre Wirkung werden sie auch bei ihnen entfalten. Denn sie zeigen, dass es das Management ernst meint, dass es ihnen ganz bewusst Raum lässt, Mensch zu sein. Und ein solches Statement, eine solche Wertschätzung tut gut. Und sie lässt auch die üblichen Personal-Maßnahmen, wie Diversity Management oder Employer Branding einem ganz anderen Licht erscheinen, nämlich in einem glaubwürdigen.

 

Dass Mitarbeiter eines solchen Unternehmens an Burnout erkranken ist schwer vorstellbar. Bekannt sind Melanie Walter hierzu jedenfalls keine Fälle. Wobei das Arztgeheimnis sicherlich eine vollständige Transparenz verhindert. Und natürlich liegt es letztlich auch an jedem selbst. Setzt man sich etwa vom Ehrgeiz getrieben ständig und dauerhaft selbst unter Druck, nutzen die besten Angebote eines Arbeitgebers nichts. Es wird dann sehr wahrscheinlich zu einer totalen Erschöpfung kommen.