Burnout: Hintergründe, Symptome, Therapie

Krankheit? Nein! Stressindikator? Ja!

Junge Frau schaut ernst aber freundlich

BURNOUT. Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Ein fest umschriebenes, irgendwie klar diagnostizierbares Krankheitsbild? Fehlanzeige! Landläufig existiert die Meinung, Burnout sei eine Depression, die auf starken Stress im Arbeitsleben zurückzuführen sei. Aber auch das trifft nicht zu. Grund genug, bei Prof. Dr. phil. Dr. med. Andreas Hillert nachzufragen. Der Burnout-Experte ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und psychotherapeutische Medizin sowie Chefarzt in der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.

 

Prof. Dr. phil. Dr. med. Andreas Hillert

Prof. Dr. phil. Dr. med. Andreas Hillert

Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und psychotherapeutische Medizin sowie Chefarzt in der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.

InnenLeben: Burnouts und Depressionen werden meist in einen Topf geworfen. Was ist der Unterschied?
Prof. Hillert: Die kurze Antwort lautet: Im Gegensatz zur Depression handelt es sich beim Burnout um keine Krankheit. Das zeigt allein schon die Tatsache, dass aktuell mehr als hundert Burnout-Definitionen existieren. Das Krankheitsbild Depression lässt sich hingegen anhand von Kriterien einigermaßen trennscharf diagnostizieren – etwa durch die sogenannte ICD-10 Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation. Ob man am Burnout leidet beziehungsweise ausgebrannt ist, definiert letztlich jeder Sich-betroffen-fühlende selber. In der Psychiatrie sprechen wir von einem subjektiven Störungsmodell. Ich selbst würde Burnout allgemein als einen Zustand starker emotionaler und körperlicher Erschöpfung angesichts als solcher erlebter Überforderung unterschiedlichster Art im Beruf und Alltag beschreiben.

 

InnenLeben: Erleidet jeder, der im Beruf erheblichen Belastungen ausgesetzt ist, früher oder später einen Burnout?
Prof. Hillert: Nein. Wie bereits gesagt: Es handelt sich um ein subjektives Störungsmodell. Das bedeutet, jeder reagiert auf Stress und Überforderung anders. Menschen haben unter anderem unterschiedliche Ziele und Erwartungen an sich und ihr soziales Umfeld. Ein sehr Karriere-bewusster, perfektionistischer Mensch kann oftmals mit beruflichen Rückschlägen und Kränkungen schlechter umgehen, als jemand, der nicht so hohe Ansprüche hat und flexibler ist.

 

InnenLeben: Es scheint, die Zahl der Burnout-Fälle nehme zu. Ist das so?
Prof. Hillert: Schwer zu sagen. Was zunimmt sind Krankschreibungen und Frühberentungen aufgrund psychischer Erkrankungen. Wer durch psychische Störungen nicht jedes Tempo mitgehen kann und weniger flexibel ist, für den ist in einer durch allgegenwärtiges Monitoring optimierten Arbeitswelt Krankschreibung nicht selten der einzige – vermeintliche – Ausweg. Ob ich das als Burnout erlebe, hängt unter anderem davon ab, ob dieser Begriff in dem sozialen Umfeld, in dem ich mich bewege, üblich und eher positiv besetzt ist. Dass der Druck in der Arbeitswelt zunimmt, bei abnehmenden Sicherheiten, ist ein zentrales Phänomen unsere Zeit: Es wird erwartet, immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit zu bewältigen.

 

InnenLeben: Das spricht doch für eine Zunahme, oder?
Prof. Hillert: Es spricht für eine Zunahme Stress-bedingter gesundheitlicher Probleme insgesamt, sicher. Burnout-Erleben ist eine Facette davon, wobei die Frage, ob ich mich entsprechend erlebe, wie bereits angedeutet, von mehreren Faktoren abhängt. Wenn Arbeitnehmer befürchten, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich wegen Burnout krankmelden, und nicht hinreichend finanziell abgesichert sind, werden die gleichen Symptome, die unter anderen Bedingungen als Burnout erlebt werden, häufig ausgeblendet und ignoriert. Solange es sich nicht um eine manifeste, schwergradige Depression handelt, sind die diesbezüglichen Spielräume recht hoch. Burnout muss man sich quasi leisten können. Das hat durchaus einen bitteren Beigeschmack.

 

InnenLeben: Ist Burnout eine Neuerscheinung unserer Zeit?
Prof. Hillert: Zumindest unter diesem Namen ist das Burnout-Phänomen relativ neu. Es wurde erstmals 1974 vom deutsch-amerikanischen Psychotherapeuten Herbert Freudenberger – übrigens bei sich selber – entdeckt. Bereits im späten 19. Jahrhundert gab es zudem ein sehr ähnliches Phänomen, das auf die damals Fahrt-aufnehmende Industrialisierung und zunehmende generelle Beschleunigung, wie etwa das Eisenbahnfahren, zurückgeführt wurde. Die vielen Eindrücke, die auf unser Gehirn einströmen, wenn man mit 40 Stundenkilometer durch die Landschaft fährt, müssen ein Gehirn einfach überfordern und zur Nervenschwäche führen. Neurasthenie nannte man diese sehr populäre Erkrankung seinerzeit.

 

InnenLeben: Wie lässt sich Burnout-Konstellationen vorbeugen? Haben Sie Tipps?
Prof. Hillert: Tipps habe ich viele, aber die kennt jeder. Das lässt darauf schließen, dass sie denen, die sie nötig hätten, nicht weiterhelfen. Dazu gehören etwa: „Machen Sie sich weniger Stress“, „Erholen Sie sich regelmäßig“, „Lieben Sie Ihren Beruf“ und „Lassen Sie mal fünf gerade sein!“. Bingo? Nein banal! Selbst Frühberentungen machen nicht automatisch glücklich. Letztlich dürfte es darum gehen, eine gewisse Demuth gegenüber dem Schicksal zu bewahren und ein sinnerfülltes, über den Tellerrand der Arbeit hinaus angelegtes Leben zu führen. Wer das tut, hat absehbar häufiger die Chance, Stress gut verarbeiten zu können. Aber eine solche Haltung einzunehmen, ist eben leichter gesagt als getan.

 

InnenLeben: Welche Symptome werden üblicherweise mit Burnout in Zusammenhang gebracht?
Prof. Hillert: Die subjektiven Symptome von Überlastungskonstellationen können je nach Betroffenen ganz unterschiedlich sein und viele davon sind ihrerseits häufige Symptome von Depressionen. Zu ihnen gehören unter anderen:

  • Müdigkeit und Erschöpfung: Betroffene fühlen sich von ihrer Arbeit überfordert und brauchen mehr Pausen
  • Nervosität
  • Konzentrationsschwäche
  • Versagensängste
  • Das Abschalten nach der Arbeit fällt schwer
  • Die Leistungsfähigkeit lässt nach
  • Rückzug aus dem sozialen Umfeld
  • Verdauungsprobleme
  • Schlafstörungen
  • Kopf- und Rückenschmerzen.

 

InnenLeben: Wie behandeln Sie Betroffene in Ihrer Klinik?
Prof. Hillert: In unserer Klinik lernen sich als ausgebrannt erlebende, zumeist unter einer Depression leidende Patienten, zunächst einmal, wie sich die zur Aufnahme führende Symptomatik bewältigen und reduzieren lässt. Bezogen auf die oft zugrundel liegende berufliche Überlastung geht es dann darum, Strategien zu finden, wie sich die eigenen Kräfte angemessen einteilen lassen. Oft geht es darum, die eigenen „inneren Antreiber“, die Schritt für Schritt mit zum Burnout-Erleben beigetragen haben, zu identifizieren. Wir klären also mit den Patienten, was sie innerlich antreibt und warum Sie den Eindruck haben, beispielsweise ständig immer perfekter werden zu müssen und mehr leisten zu wollen – sei es im Beruf, Haushalt oder auch in der Freizeit. Oder auch, warum es ihnen so wichtig ist, bei allen beliebt zu sein und von allen gemocht zu werden.

Ganz wichtig dabei ist: Therapie macht aus den Teilnehmern keine anderen Menschen. Vielmehr helfen wir ihnen dabei, ihre Muster im Umgang mit Belastungen besser zu erkennen. Und davon ausgehend entwickeln wir anschließend gemeinsam Lösungsperspektiven, um mit Stress zukünftig besser umgehen zu können – damit sie zurück im Alltag keinen Rückfall erleiden.

All das tun wir im Rahmen von Gesprächen, Gruppentherapien und zum Beispiel Rollenspielen. Und natürlich gibt es auch Zeit, zu entspannen, abzuschalten, Achtsam zu sein und dabei das Leben zu genießen. Das gelingt übrigens bei uns in Prien am Chiemsee recht gut.