Jemand in meinem Umfeld spinnt! Was soll ich jetzt machen?

Über die Rolle von Bezugspersonen bei der Unterbringung psychisch kranker Menschen

Illustration Bezugspersonen

Interview mit dem Gesundheitsamt Salzgitter (Dr. Müller-Dechent, Susanne Specht, Natalie Held, Christian Bremer)

 

Was tue ich, wenn ein Verwandter, Freund oder Kollege psychisch auffällig wird? Deutschlandweit hilft im Krisenfall der kassenärztliche Bereitschaftsdienst unter Tel: 116 117. Wenn es brenzlig wird, erreicht man den Notarzt unter 112 und die Polizei unter 110. Gerne würde „InnenLeben“ weitere Tipps für den Notfall geben: Wie z.B. funktioniert eine Zwangseinweisung, wie kann man sie vermeiden und wann ist sie unumgänglich? Aber jedes Bundesland in Deutschland hat seine eigenen Gesetze, und sogar jede Kommune ist anders organisiert. Deshalb ist es nicht leicht, Allgemeingültiges zu in Erfahrung zu bringen. Unser Ansprechpartner in diesem Beitrag ist das Gesundheitsamt der Stadt Salzgitter in Niedersachen: Im Interview mit Dr. Müller-Dechent (Amtsarzt), Susanne Specht (Diplom-Psychologin), Natalie Held (Sozialarbeiterin / -pädagogin B.A.) und Christian Bremer (Sozialarbeiter / -pädagoge M.A.) versuchen wir die komplexe Lage zu beleuchten.

 

 

 

Achtung! Unsere Angaben sind so allgemeingültig wie möglich gehalten. Vorgehensweisen und Gesetze variieren aber von Bundesland zu Bundesland, von Kommune zu Kommune und von Klinik zu Klinik. Dennoch bieten wir Ihnen mit dem nachfolgenden Interview eine Möglichkeit der Orientierung. Bitte erkundigen Sie sich auf dieser Grundlage selbst in Ihrem Umfeld noch bevor es zu einer Krise kommt! Ansprechpartner wären etwa das örtliche Gesundheitsamt, die Telefonseelsorge, Selbsthilfegruppen oder eine ortsansässige Klinik.

 

Ich treffe auf eine „hilflose Person“ – was soll ich tun?nach oben

 

InnenLeben: Nachts um drei klingelt bei mir das Telefon. Mein bester Freund stammelt wirres Zeug. Er ist nicht betrunken, denn er trinkt nicht. Er ist eindeutig verrückt. Außerdem weiß ich, er hat Schlaftabletten bei sich. Was also soll ich tun?
Dr. Müller-Dechent: Die Situation ist unklar, denn die Ursache muss nicht psychischer Natur sein. Sie kann auch von körperlichen Faktoren herrühren. In Frage kommen z.B. Diabetes Mellitus, also eine Unterzuckerung beim Zuckerkranken (- hier gibt man ganz schnell Zucker!) oder es ist vielleicht ein beginnender Schlaganfall. Das sind, meiner Erfahrung nach, sogar häufige Ursachen in so einer Situation. Schnelle Hilfe macht den Unterschied zwischen Leben, bleibender Behinderung und Tod. Deshalb muss man sich entscheiden, ob es so dramatisch ist, dass ich über die 112 einen Notarzt rufen muss? Oder ist es sogar so, dass der Freund sich selbst gefährdet, weil er etwa aus dem Fenster springen will. In dem zweiten Fall müsste man die Nummer 110 der Polizei anrufen, da die Polizeibeamten körperlichen Zwang ausüben dürfen, um die fragliche Person zu stoppen oder zu schützen. Die Polizei würde dann die medizinischen Fachkräfte, z.B. den Rettungsdienst, von sich aus nachrufen. Ist man sich aber selbst nicht ganz im Klaren, sollte man in jedem Falle lieber Hilfe holen.
Herr Bremer: Wenn man in Ihrem Beispielfall die betroffene Person nun doch aufsuchen würde, z.B. weil er/sie in der direkten Nachbarschaft wohnt wäre es auch wichtig, die Gefahrenquelle zu beseitigen; z.B. die Schlaftabletten. Wichtig dabei ist, das eigene Handeln zu erklären und auf die erkrankte Person einzugehen.
Dr. Müller-Dechent: Man muss aufpassen, dass man sein Gegenüber nicht zur Aggression reizt. Sonst passiert vielleicht erst recht etwas, und die Situation eskaliert. Also im Zweifelsfalle lieber angemessene Hilfe rufen. Ihr erstes Stichwort für die 112 ist dann immer: Ich melde Ihnen eine „hilflose Person“.

 

InnenLeben: Muss es denn gleich der Notarzt sein? Oder gar die Polizei? Gibt es nicht eine sanftere Lösung -selbst um diese Uhrzeit?
Dr. Müller-Dechent: Ist die Situation weniger dringlich, gibt es die bundesweite Nummer des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes – Tel: 116 117. Von dort aus kann auch ein Hausbesuch vermittelt werden. Aber wenn jemand zum Beispiel aus dem Fenster springen möchte oder sich bzw. andere mit einer Waffe bedroht, dann ist die einzige Option die Polizei. Die Beamten sind für solche Fälle ausgebildet. Der Notarzt hilft hingegen bei akuten körperlichen Notfällen.
Frau Held: Wichtig zu wissen ist, wie und wo ich am schnellsten die nötigen Telefonnummern finde. Im Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Salzgitter ist außerhalb der Dienstzeit ein Anrufbeantworter geschaltet, der eine Telefonnummer für den Notfall ansagt.

 

InnenLeben: Und was ist, wenn ich die Situation als Laie nicht einschätzen kann, und wenn ich die Polizei umsonst rufe, weil ich mich vertan habe, oder weil man ihn nicht einweisen kann?
Dr. Müller-Dechent: Wenn Sie das Gefühl haben, Sie können es überhaupt nicht einschätzen, dann ist das eher ein Zeichen, Hilfe zu rufen, damit Klarheit geschaffen wird. Vom Laien verlangt man kein sachkundiges Urteil. Es wird Sie niemand bestrafen, weil Sie einmal zu viel den Notarzt oder die Polizei gerufen haben. Also nicht lange überlegen, vor allem, wenn es eine unüberschaubare oder gefährliche Situation ist!
Frau Held: Die Notfallnummern sind rund um die Uhr von fachkundigem Personal besetzt. Das sollte die Hemmung nehmen, dort anzurufen, da es bedeutet, dass schon vorab Rückfragen gestellt werden können. Ggf. erhalten Sie Anweisungen, was sie tun können.
Was ist der Sozialpsychiatrische Dienst (Sp-Dienst); in wie weit kann man mir – als Bezugsperson – in meinem Dilemma helfen?
Herr Bremer: Der Sozialpsychiatrische Dienst ist hier in Salzgitter im Gesundheitsamt angesiedelt. Er ist für psychisch erkrankte Menschen und für Menschen mit Abhängigkeits- bzw. Suchterkrankungen zuständig. Genauso helfen wir Angehörigen oder Personen aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Sie, als bester Freund, können sich direkt an uns wenden, um einen fachkundigen Ansprechpartner zu haben, um sich auszutauschen und sich beraten zu lassen. Das gilt insbesondere dann, wenn Sie mit der Situation überfordert sind. In jedem Fall nehmen wir uns der Situation Ihres Bekannten / Freundes an. Wir nehmen dann Kontakt zu der betroffenen Person auf und leisten und / oder vermitteln individuelle Hilfen, die auf die Lebenssituation der Person angepasst ist. Unterstützungsangebote werden in der Regel im Rahmen von Hausbesuchen oder bei Gesprächen im Gesundheitsamt unterbreitet. Darüber hinaus findet eine Vor- und Nachsorge bei möglichen Klinikaufenthalten statt. Es kann jedoch auch erst einmal nur ein telefonischer Kontakt sein.

 

Hilfe muss gewollt sein.nach oben

 

InnenLeben: Mein Freund will nicht in die Psychiatrie. Natürlich nicht. Was aber passiert in dem Fall, wenn Hilfe nicht gewollt ist und nicht angenommen wird? Unter welchen Umständen kann man jemanden zwangseinweisen lassen?
Herr Bremer: Erst wenn alle vorherigen Bemühungen der Person zu helfen gescheitert sind und bei der Person aufgrund ihrer psychischen Erkrankung eine akute Eigen- und / oder Fremdgefährdung besteht, findet eine Unterbringung nach dem NPsychKG statt.
Dr. Müller-Dechent: In Niedersachsen gilt, dass eine Zwangsmaßnahme nur erwogen werden darf bei akuter Eigen- und/oder Fremdgefährdung. Fremdgefährdung bedeutet, dass z.B. jemand mit der Pistole oder mit dem Messer auf einen anderen Menschen losgehen wollen würde. Eigengefährdung heißt, jemand will sich umbringen und z.B. aus dem Fenster springen. Zudem muss das Ganze „akut“ sein. Wenn also jemand trotz eines anscheinend lebensbedrohlichen Krankheitszustandes den Arztbesuch verweigert, dann muss beurteilt werden, ob eine akute Eigengefährdung bei eingeschränktem Urteilsvermögen vorliegt.
Frau Specht: Manchmal bekommen wir einen Anruf von einer Bezugsperson, die uns mitteilt, ihr Angehöriger oder Freund wolle nicht mehr leben. Dann gehen wir als Sozialpsychiatrischer Dienst dorthin. Oft löst sich die akute Gefahrensituation schon auf, indem wir mit dem Betroffenen sprechen und seine Äußerungen ernst nehmen.
Dr. Müller-Dechent: In Niedersachsen haben wir seit vielen Jahren nicht mehr ein Polizeigesetz zur Zwangseinweisung – also ein „Gefahrenabwehrgesetz“, das auf Ordnung, Sauberkeit und öffentliche Sicherheit abzielt. Stattdessen gibt es bei uns ein modernes „Hilfsgesetz“ für Menschen, die psychisch oder suchtkrank sind. Das ist das sogenannte NPsychKG (Niedersächsisches Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke). Das PsychKG gibt vor, dass bei allen Hilfen und Schutzmaßnahmen auf den Zustand der betroffenen Person besondere Rücksicht zu nehmen ist. Die Würde der betroffenen Person ist dabei zu achten.
Frau Held: Der Sozialpsychiatrische Dienst Salzgitter ruft im Fall einer Unterbringung nach dem NPsychKG die hiesige Rettungsleitstelle an und bittet um einen Krankentransport in die Klinik. Die Verfahrensweisen sind nicht kommunenübergreifend. Bereits in benachbarten Städten kann das Verfahren schon anders ablaufen.

 

Manches zur Zwangseinweisung, und wann muss das wirklich sein?nach oben

 

InnenLeben: Wie lange dauert eine solche Zwangsunterbringung? Muss man sie absitzen wie eine Strafe?
Dr. Müller-Dechent: Wenn jemand zwangsuntergebracht wird, wird das schnellstmöglich in der Regel innerhalb von 48 Stunden überprüft – mit dem Psychiater der Klinik und einem zuständigen Richter. Denn es kann ja sein, dass die akute Gefahr binnen dieser Frist schon nicht mehr gegeben ist – aufgrund einer stabilisierenden Therapiemaßnahme oder einer Medikamentengabe. Damit entfiele die Grundlage für eine zwangsweise Unterbringung.
Frau Held: Nach Ab- und Rücksprache mit der Klinik, dem Arzt und dem Patient besteht ggf. die Möglichkeit für eine freiwillige Behandlung weiterhin in der Klinik zu verbleiben, um einen Therapieerfolg dauerhaft zu sichern.
Herr Bremer: Noch hinzuzufügen ist, dass eine Medikation ohne Zustimmung der psychisch erkrankten Person nur im Krisenfall verabreicht werden darf.
Dr. Müller-Dechent: In Niedersachsen bedarf die medikamentöse Therapie auch bei einer Zwangsunterbringung grundsätzlich der Einwilligung der betroffenen Person. Ansonsten kann man nur behandeln, wenn fachärztlich begutachtet wird, ob eine Willensäußerung des Betroffenen überhaupt noch möglich ist. Nehmen wir einen Menschen mit einer katatonen Schizophrenie: Jemand sitzt völlig starr und bewegungsunfähig da und kann kein Wort mehr äußern. Dann ist eine Medikation zu seinem besten, um aus diesem Zustand herauszukommen.
Herr Bremer: Zur gesetzlichen Grundlage in den einzelnen Bundesländern kann unter dem Stichwort PsychKG und dem jeweiligen Bundesland selbst recherchiert werden.
(Niedersachsen: Niedersächsisches Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke)

 

Zur Rolle eines Betreuersnach oben

 

InnenLeben: Kann ein Betreuer – wenn es denn einen gibt – eine Einweisung veranlassen?
Frau Held: Ja, dies ist bei Eigengefährdung möglich und wird in § 1906 BGB (Genehmigung des Betreuungsgerichts bei freiheitsentziehender Unterbringung und bei freiheitsentziehenden Maßnahmen) geregelt.
Dr. Müller-Dechent: Nach Bundesrecht kommt es darauf an, welche Bereiche des täglichen Lebens nach richterlichem Entscheid vom Betreuer abgedeckt werden. Wenn er sowohl für die Aufenthaltsbestimmung als auch für die Gesundheitsfürsorge zuständig ist, kann er eine Zwangseinweisung anregen. Dazu muss er ein ärztliches Attest vorlegen. Auch hier muss es sich um Eigengefährdung handeln. Schließlich entscheidet über die Sache ein Richter, der in der Regel den Betroffenen selbst noch anhört. Wenn der Betroffene aber mit klarem Willen „Nein!“ sagt, besteht heutzutage eine sehr große Wahrscheinlichkeit, dass es dann nicht zur Zwangseinweisung kommt.
Frau Held: Nähere Informationen können Ihnen dazu jedoch die Amtlichen Betreuungsstellen und Betreuungsvereine geben. In Salzgitter ist die Amtliche Betreuungsstelle unter der E-Mailadresse gesundheit@stadt.salzgitter.de erreichbar.

 

InnenLeben: Wie finden Sie als Amtsarzt heraus, ob jemand zurechnungsfähig ist? Oft haben die Betroffenen doch eine gute Fassade und lassen nichts erkennen.
Dr. Müller-Dechent: Man versucht eine vernünftige Unterhaltung zu führen. Das ist schon das erste Kriterium: Geht das? Dann prüft man, ob der Mensch in allen Bereichen orientiert ist, also zum Ort, zur Zeit und zur Person. Dann sieht man, wie die Stimmungslage des Betroffenen ist: Ob er ohne erkennbaren Anlass explodiert oder in Tränen ausbricht. In der Justiz gibt es zudem die Begriffe der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit. Kann ein Mensch sein Tun und Handeln einsehen und reflektieren? Und ist er auch fähig seiner Einsicht nach zu handeln? Kann er sich noch steuern? Oder befehlen ihm etwa Stimmen, jemanden umzubringen?

 

Wer trägt die Verantwortung für einen Betroffenen und wie kommt man mit ihr zurecht?nach oben

 

InnenLeben: Jemanden einweisen zu lassen, das macht ein schlechtes Gewissen; zumal mein Freund zu mir sagt: „Du hast mich in die Klapse gebracht; das verzeihe ich dir nie!“ Was raten Sie mir?
Dr. Müller-Dechent: In der akuten Situation liegt oft eine sogenannte Ich-Störung vor. Der Patient empfindet dann diese Zeit rückblickend als befremdend und weiß später im stabilisierten Zustand die akute Situation vom sonstigen Alltag zu trennen. Und deshalb ist es im Regelfall so, dass er gegen seine Helfer auch keine Abneigung entwickelt, weil er erkennt, dass die Maßnahme sich nicht gegen den richtete, der er jetzt ist, sondern gegen das damalige „Ich“.
Herr Bremer: In erster Linie sollten Sie sich als Freund darüber bewusst werden, dass es darum geht, die Person zu schützen und ihr zu helfen. Was wäre passiert, wenn die Person nicht in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden wäre? Eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik soll keine Bestrafung für die erkrankte Person darstellen. Vielmehr ist es eine Hilfestellung, die die Person in dem Zustand der akuten Krankheitsphase möglicherweise nicht erkennt.
Dr. Müller-Dechent: Allen Freunden und Angehörigen, die mit einer solchen Situation konfrontiert sind, legen wir nahe, sich beraten zu lassen. Dass sie lernen, diese Krankheiten zu verstehen und dass sie Hinweise bekommen, wie man mit dem Verhalten des Kranken umgeht. Dass man dem Betroffenen eine Hilfe sein kann, und dass man selber nicht darunter leidet und traumatisiert wird.

Frau Specht: Es kommt eben darauf an, wann derjenige das sagt: „Das verzeihe ich dir nie!“. Ist das in seinem schwierigen psychischen Zustand, wenn man ihn aus seiner Sicht „in den Wagen setzt und ihn gegen seinen Willen wegbringt“? Oder sagt er es später, wenn er wieder entlassen wird? Dann, wenn er wieder reflektieren kann? Und wenn das so ist, muss ich mir vielleicht sagen, dass es mir das wert ist, das Leben meines Freundes gerettet zu haben, und dann muss ich damit fertig werden (Wie kann man das? Wer hilft?), wenn es da vielleicht einen Bruch in der Freundschaft gibt. Man muss sich überlegen, was ist mein inneres menschliches Gebot und danach muss man handeln.

 

Welcher sozialpsychiatrische Dienst berät und hilft Betroffenen und deren Bezugspersonen gleichermaßen.
Denn auch als Betroffener braucht man Hilfe!nach oben

 

Herr Bremer: In der Regel bessern sich Situationen nach Inanspruchnahme professioneller Hilfen. In Ausnahmefällen kann es jedoch auch dazu kommen, dass Angehörige und andere Bezugspersonen lernen müssen, die Situation als solche zu akzeptieren. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn psychisch erkrankte Menschen sich frei und selbstbestimmt gegen die Inanspruchnahme von Hilfen oder Unterstützungsangeboten entscheiden. Deshalb halten wir es für umso wichtiger, dass sich Angehörige frühzeitig an den Sozialpsychiatrischen Dienst wenden, um sich vertraulich, professionell und kostenlos beraten zu lassen.