Depression

Gerade jetzt!

Weihnachtsbaum unscharf gespiegelt

Jeder Tag derselbe noch einmal. Es gibt kein Voranschreiten. Nichts Neues, nichts, das überrascht. Wer immer sich auch um mich bemüht. Freunde und Familie. Für mich läuft‘s auf dasselbe hinaus. Ich mag Euch alle nicht mehr sehen! Ich habe genug davon: Ich verscheuche Euch mit meiner Einsamkeit, und bald bin ich wirklich dann allein. Und dann bin ich noch einsamer, und es kommt erst recht keiner mehr! Manchmal habe ich Angst, ich bin ansteckend.

 

Dabei müsste ich Geschenke kaufen und die Feier vorbereiten. Zwei Kinder sind kein Kinderspiel. Der Baum, die Gans und all die Wünsche, die es zu erfüllen gibt. Alles ist zu viel: Doch gerade jetzt zu Weihnachten soll ich wieder in die Klinik? Ebert sagt. „Nimm es wie ein Wellness-Angebot! Lass dich bedienen; du hast es dir verdient!“ Ich soll loslassen, heißt es. Soll mich entspannen, irgendwie. Ja, wenn das so einfach wär! Das ist das eine, und ich will nicht wieder dorthin! Das ist das andere.

 

Nicht, weil es in der Klinik unangenehm gewesen wäre. Da gibt es keine kotverschmierten Wände, man hört kein verrücktes Lachen durch die Gänge hallen; nirgendwo riecht es etwa nach Urin. Nein, so ist es wirklich nicht, und selbst das Personal dort ist im Grunde nett. Ich will nicht dorthin, weil ich glaube, man muss selber mit sich klarkommen. Jedem anderen würde ich es zugestehen. Nur ich selbst finde, ich bin kein „psychiatrischer Fall“! Keine Medikamente, keine Therapie! Nicht ich!

 

Ich habe Familie und dafür muss ich funktionieren. Da sind die zwei Kinder – Martha und Susi, und da ist auch mein Mann. Ebert hat Verständnis für mich. Nur ich selbst: Ich verstehe gerade meine Welt nicht mehr. Ich bin nicht länger Teil von ihr. Ich bin mitten unter Menschen – mutterseelenallein. Und wenn ich die Hände ausstrecke, so bleibt es eine leere Geste. Sie bedeutet nichts, denn ein Kontakt will nicht zustande kommen, selbst wenn man sich um mich bemüht. Dabei werde ich gebraucht!

 

Depressionen sind ein Fehler im genetischen Code. Es fehlt an Dopamin oder Serotonin und wie sie alle heißen. Es gibt Medikamente dagegen. Selbst der Mangel an Vitamin D kann eine Depression auslösen. Besonders jetzt im Winter, wo die Sonne nicht scheint, fehlt es einem daran. Das alles sind gute Gründe – aber sie erklären nichts. Es ist, wie wenn ein Kind fragt: „Mama, was ist, wenn ich tot bin?“ Und ich antworte: „Tod bedeutet Herzstillstand.“ Es stimmt, aber was erklärt das schon?

 

Es erklärt jedenfalls nichts in Bezug auf das, was man durchmachen muss. Die Welt ist plötzlich wie aus Stein. Oder eher, man sieht, wie die Welt um einen lebt; nur man selbst ist wie versteinert. Man wünscht sich ein Gefühl. Ja, sogar Trauer wäre mir willkommen. Hauptsache eine Regung! Doch man sitzt im selbstgebauten Knast. Und wenn die Kinder kuscheln wollen, lässt man es geschehen. Ohne Emotion. Man fühlt sich wie ein Betrüger. Jemand, der mit falscher Münze zahlt!

 

Und was soll aus Kindern einmal werden, die erleben müssen, wie die eigene Mutter dich nicht lieben kann! Kinder, die selber hilflos lieben müssen, ohne, dass man sie zurückliebt. Die sich überbieten mit Liebenswürdigkeiten, um mir nur eine nette Geste zu entlocken. Gut meinen sie es mit mir: „Mama, schau mal dort, ein Kätzchen!“ „Mama, hier das Blümchen da!“ „Mama, ich habe dich so lieb!“ Es erreicht mich nicht. Für mich ist es eher eine Belastung. Was genau? Alles.

 

Jeder hat sein Päckchen zu tragen, ja. Und wir alle sind da, weil wir Heilung suchen. Deshalb sind wir hier; ich meine nicht die Klapse. Ich rede von der ganzen Welt. Aber ist die Welt ein Ort, an dem man tatsächlich Heilung finden kann? Mit all dem Kriegen, Krisen, Katastrophen? Demgegenüber das eigene Leiden – lächerlich! „Stell dich nicht so an! Anderen geht es so viel schlimmer.“ „Noch schlimmer? Wie kann das denn gehen?“ „Na, die haben eben gerade ein Erdbeben erlebt!“

 

Wie dem auch sei: Ich muss da raus! Ich muss mich irgendwie zu fassen kriegen und mich wie Münchhausen am eigenen Schopfe aus dem Dreck ziehen. Ich muss einen Ansatz in mir finden, wie ich mein Lachen zurückgewinnen kann. Mich erwartet wohl ein Kampf. Denn ich habe doch zwei Kinder, die mich lieben. Um derentwillen nehme ich sogar meine gottverdammten Medikamente. Und ich meditiere. Und ich mache eine Therapie. Denn um die beiden Kleinen will ich mich wieder kümmern können. Denn morgen ist ein neuer Tag, und allseits frohe Weihnachten.