Schizophrenie

Ein Interview mit der Mutter eines schizophren erkrankten Sohnes

Frau mittleren Alters lächelnd

Frau H. ist Mutter eines schizophren erkrankten Sohnes. Ihr damals schon erwachsenes Kind hatte den ersten akuten Schub der Erkrankung 1997. Frau H. hatte den ersten Kontakt mit dem Phänomen der Psychose durch ihre juristische Ausbildung; damit, dass dieses Krankheitsbild sie direkt oder indirekt betreffen könnte, hat sie niemals gerechnet.

 

InnenLeben: Ihr Sohn ist schizophren – Wie haben Sie den Ausbruch der Erkrankung aufgenommen?

Frau H.: Ich habe es zum ersten Mal gehört, als mein Bruder mich im Büro anrief und sagte: „Dein Sohn ist in der Psychiatrie.“ Meine Reaktion: „Warte, ich ruf dich wieder an!“ Ich war vollkommen geschockt. Es war ein Trauma. Geholfen, damit umzugehen, hat mir letzten Endes dann wiederum mein Bruder. Es war ja ein gemeinsames Schockerlebnis. Und unsere Hilfe war gegenseitig.

 

InnenLeben: Gab es vor dem ersten akuten Krankheitsschub irgendwelche erkennbaren Anzeichen oder Symptome? Wie haben Sie auf diese reagiert?

Frau H.: Nicht einmal mein Bruder, der damals im sozialpsychiatrischen Dienst gearbeitet hat, hat etwas geahnt. Wir haben alles auf ein gestörtes Verhältnis zu mir geschoben. Auf die gestörte Beziehung zwischen meinem Sohn und dessen Vater. Auf Künstlerphantasien. Auf Eigensinn. Eigenwilligkeit. Es gab also Anzeichen, die wir aber nicht erkannt haben. Aber woher auch?

 

InnenLeben: Wie gehen Sie als Angehörige um mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung, die dieser Krankheit anhaftet?

Frau H.: Ich habe, seit die Krankheit zu ersten Mal ausbrach, in meinem beruflichen und privaten Umfeld nur verständnisvolle Rückmeldungen erlebt. Es kamen plötzlich ähnliche Fälle im näheren Umfeld zum Vorschein, von denen man vorher nichts wusste. Mein Personalsachbearbeiter sagte mir damals: „Ich selbst habe in der Familie jemanden, mit einer psychiatrischen Erkrankung. Sie gehen jetzt sofort nach Hause und lassen sich krankschreiben!“ In unserem Dorf hatte ich erst einmal das Treffen mit den Nachbarinnen vermieden, und dann stellte sich heraus: Der erste Ehemann einer Nachbarin war schizophren gewesen. Und was ich dann von meinen Nachbarinnen dann erfahren habe, war eigentlich nur Mitgefühl. Ich denke, dass dieses Mitgefühl sich eher auf mich bezog – als Angehörige – und nicht unbedingt Verständnis für den Kranken bedeuten muss. Aber ein Stigma in diesem krassen Sinne habe ich nie erlebt.

 

InnenLeben: Wie wichtig sind Selbsthilfe- und Angehörigengruppen?

Frau H.: Nachdem der erste Schub überstanden war, habe ich unbewusst geglaubt, es ist überstanden. Also bin ich nicht mehr zur Angehörigengruppe gefahren, bis dann der zweite Schub kam. Und da habe ich eben gemerkt, wie groß die Unterstützung ist. Allerdings lebt diese Gruppe auch von der Ärztin, die sie leitet, von ihrem Mitgefühl mit den Angehörigen und den Patienten und der großen Anerkennung dessen, was beide leisten und leisten müssen. Dabei wesentlich ist die Mischung aus sachlicher Information über die Krankheit, über Medikamente und Wirkungsweisen einerseits und andererseits der Austausch mit den anderen, die zum Teil ähnliche, dieselben oder ganz andere Erfahrungen gemacht haben. Wenn man Glück hat, hilft einem das zu erkennen, dass die Krankheit zwar das Leben begleitet, aber doch irgendwie zu bewältigen ist. Angehörigengruppen sind mithin unerlässlich. Sie sind nicht ersetzbar.

 

InnenLeben: Was ist leichter für sie zu ertragen: Die Phasen der Plus- oder die der Minussymptomatik ?

Frau H.: Die Phasen der Minussymptomatik. Weil die besser nachvollziehbar sind. Depressionen kenne ich. Depressionen sind auch im Umfeld, in dem man lebt, anzutreffen. Das hat man auch selbst schon mal erlebt. Die Minussymptomatik hingegen ist so jenseits von alldem, was wir bei gesundem Geiste erleben, dass das sehr viel schwerer zu verkraften ist.

 

InnenLeben: Hat sich Ihre Haltung zu der Erkrankung mit der Zeit gewandelt?

Frau H.: Die Angst vor der Krankheit ist nicht weg. Aber sie ist nicht mehr so überwältigend wie zu Anfang. Im Großen und Ganzen kann ich besser mit ihr leben.

 

InnenLeben: Gibt es irgendetwas Positives an der Erkrankung und der Auseinandersetzung mit ihr?

Frau H.: An der Erkrankung gibt es überhaupt nichts Positives. Nichts. An der Auseinandersetzung mit ihr, ja. Das Positive daran ist: Es verbessert die Beziehung zueinander. Da, wo ich früher bloß Angst hatte und gelitten habe, ist jetzt einfach mehr Mitgefühl. Und Mitgefühl macht das Leben leichter.

 

InnenLeben: Was wollen Sie Menschen sagen, die selbst vor dem Scherbenhaufen stehen, die die erste Krankheitsepisode zurückgelassen hat?

Frau H.: Den Angehörigen würde ich sagen: Auf jeden Fall sich Hilfe suchen. Austausch, Angehörigengruppen, Betreuung, Unterstützung. Eventuell eigene Psychotherapie. Nicht alleine bleiben; auf gar keinen Fall! Und den Betroffenen würde ich aus der Erfahrung meines Sohnes sagen: Es gibt immer eine Zukunft. Nicht aufgeben! Nicht verzweifeln!

 

InnenLeben: Welche Konsequenzen haben Sie für Ihr eigenes Leben aus der Erkrankung ihres Sohnes gezogen?

Frau H.: Im Moment stecke ich immer noch die Kerze an beiden Enden an. Ich muss aber einen Weg finden, das Ganze mit mehr Gelassenheit und Distanz zu betrachten. Und Letzteres finde ich sehr, sehr schwierig. Das bedeutet nämlich auch, dass ich mehr Vertrauen darin setzen muss, dass mein Sohn seine Krankheit kennt und nicht wieder in ihr versinken will und wird. Letztlich geht es um das Vertrauen der Eltern darin, dass die Kinder erwachsen werden und ihr Leben selbst gestalten können. Das muss nur leider an einem besonders schmerzlichen Problem erlernt werden. Mir hilft das Wissen, dass mein Sohn seine Krankheit kennt und akzeptiert und dass er sie bisher immer wieder gemeistert hat. Ich weiß, was für eine großartige Leistung das ist. Ich bin sehr stolz auf ihn.

 

InnenLeben: Wenn Sie drei Wünsche frei hätten…

Frau H.: Dann wäre ich gern ein feuerspeiender Drache und würde lauter Funken am Himmel stieben lassen. Bezüglich der Erkrankung: Ach, hol’s der Teufel! Alle sollen gesund werden! Bitte, keine Schreckschüsse mehr in meinem Leben.

 

 

*: Olaf will es wissen: Plus- und Minussymptome treten getrennt auf. „Plus“ bedeutet das, was mehr ist als normal: Halluzination, Wahnvorstellungen oder übertrieben gute Laune. „Minus“ heißt das Gegenteil: Der Kranke hat keine Lust mehr. Er fühlt nichts und er mag nicht länger leben.