Die Bipolare Störung

Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt

DIE BIPOLARE STÖRUNG. Eine Beamtin im mittleren Dienst hat Lust, einen Porsche zu besitzen. Sie kann ihn sich nicht leisten, bestellt ihn aber. Ein einst so stiller Angestellter entwickelt sich im Großraumbüro zum Alleinunterhalter. Die Mahnungen seines Chefs prallen von ihm ab. Zwei Wochen später kippt die Stimmung ins Gegenteil: Beide Menschen sind antriebslos, hängen negativen Gedanken nach – manchmal haben sie den Wunsch zu sterben.

 

Ein solches Wechselbad der Gefühle kennzeichnet Menschen mit einer bipolaren Störung. Sie wird auch als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet. In Deutschland sind schätzungsweise bis zu zwei Millionen Menschen daran erkrankt.

Dennoch werden ihre Probleme oft übersehen oder falsch gedeutet. Vom ersten Auftreten bis zu einer Behandlung vergehen oftmals Jahre.

 

Prof. Dr. med. Ion George Anghelescu

Unser Interviewpartner:

Prof. Dr. med. Ion George Anghelescu

Chefarzt, der Privat-Nerven-Klinik Dr. Med. Kurt Fontheim.

InnenLeben sprach über Symptome, Therapie und Rolle der Angehörigen bei einer bipolaren Störung mit dem Experten Prof. Dr. Med. Ion-George Anghelescu. Er ist Chefarzt, der Privat-Nerven-Klinik Dr. Med. Kurt Fontheim im niedersächsischen Liebenburg.

 

Die Ursachen für eine bipolare Störung sind relativ subtil und noch nicht abschließend erforscht: „Genetische Ursachen spielen eine Rolle. Innerhalb von Familien tritt die Krankheit oft vermehrt auf“, berichtet Prof. Anghelescu und erläutert: „Das heißt, die Kinder von Betroffenen entwickeln in ihrem späteren Leben leichter depressive oder manische Episoden“.

 

Eine Veranlagung ist allerdings nicht gleichzusetzen mit einer sicheren Erkrankung. Das Abrutschen in eine akute Phase passiert leichter, beispielsweise durch Stress oder Drogenkonsum. „Fällt der Auslöser für solche Krankheitsphasen wieder weg, hören sie aber irgendwann auch wieder auf“, so Prof. Anghelescu. Sie verlaufen aber schwerer und dauern länger, wenn man sie nicht medikamentös behandelt.

 

Symptome – schwer zu erkennen

„Nach allen wissenschaftlichen Daten die wir haben, kann die Krankheit grundsätzlich nicht jeden treffen. Wir wissen nur leider nicht, wer zu den jeweiligen Gruppen gehört“, stellt Prof. Anghelescu fest. „Die Frage lautet zudem: Wann wird ein auffälliges Verhalten pathologisch? Die Antwort darauf ist schwierig.“ Menschen sind schließlich von Natur aus mit unterschiedlichen Charakteren ausgestattet. So ist ein fröhlich gesungenes Lied in der Straßenbahn für den introvertierten Buchhalter eher auffällig, für den Sänger einer Rockband aber quasi normal.“

 

Daher sind Frühwarnzeichen relativ schwer zu erkennen, denn eine Schwelle kann nicht pauschal festgelegt werden. Dennoch lassen sich Symptome beschreiben: Bei der Manie zählt Übereifer in allen Lebenslagen dazu. Betroffene sind auch leicht gereizt. Das Ganze geht einher mit einem riskanten Verhalten. Das Geld sitzt locker und die Distanz zu anderen verkürzt sich – bis hin zu sexuellen Anzüglichkeiten. „Zu betonen ist hierbei: Alles muss über das individuell normale Maß hinausgehen. Nur dann können es Symptome einer manischen Störung sein“, so Prof. Anghelescu.

 

Die Symptome depressiver Phasen sind leichter zu etablieren: Sozialer Rückzug, Antriebs- und Appetitlosigkeit, Gleichgültigkeit, unbegründete Traurigkeit und Konzentrationsverlust. Dauern diese Symptome länger als zwei Wochen an, ist von einer Depression auszugehen.

 

Oft fehlt die Einsicht

Befinden sich Betroffene bereits in einem solch eindeutigen Zustand, tritt häufig ein Problem auf: „Wenn es einem besonders gut geht, man Bäume ausreißen könnte und voller positiver Energie steckt, wer nimmt in dieser Situation schon an, er sei krank?“, umschreibt Prof. Anghelescu die Problematik. „Es fühlt sich einfach zu schön an“. Betroffene überschätzen sich und fühlen sich kerngesund. Krankheitseinsicht und Kritikfähigkeit lassen nach.

 

Prof. Anghelescu berichtet von einer Kollegin, die auffällig wurde: „Die Psychiaterin erklärte, sie schriebe 30 Arztbriefe am Tag; vorher habe sie nur einen geschafft. Sie schiebe nun problemlos einen Nachtdienst nach dem anderen. Schlafen müsse sie wenig. Ihre Selbsteinschätzung als Expertin lautete: Wenn es jemand anderes wäre, würde ich ganz klar eine Manie diagnostizieren. Aber bei mir ist das etwas anderes!“

 

Für Angehörige eine schwierige Situation

Angehörige merken solche manischen Veränderungen meist sehr schnell, gerade wenn ihr Appell an den logischen Menschenverstand des Betroffenen ins Leere läuft. Die Chancen, den Kranken zu überzeugen, sich in Behandlung zu begeben, sind in der Depression besser. „Das subjektive Leid in der depressiven Phase ist nämlich größer“, erklärt Prof. Anghelescu. „Gibt es bekannte Krankheitsfälle in der Familie oder im Freundeskreis, sollte man auf diese Beispiele verweisen“.

 

Für alles gibt es eine Behandlung

Heutzutage gibt es gute Therapien. Sie bestehen aus einem Gesamtbehandlungsplan mit unterschiedlichen Komponenten. Auch Aspekte, wie das soziale Umfeld, und die psychische Beschaffenheit des Patienten müssen einfließen, aber der Schwerpunkt liegt immer auf der Gabe von Medikamenten. Es gibt Stimmungsstabilisatoren, die gegen beide Extreme der Gefühlsschwankung helfen. Depressionen werden zudem mit Antidepressiva wirkungsvoll eingedämmt. Ziel muss es also immer sein, dass sich der Betroffene behandeln lässt.

 

Es kehrt wieder Alltag ein

Die Integration bei der bipolaren Störung verläuft recht gut, und viele Kranke leben unerkannt und unauffällig unter uns. Es gibt Manisch/Depressive in ganz normalen Berufen – etwa als Richter oder aber auch als anerkannte Künstler. Tatsächlich geht mit der Krankheit oft eine erhöhte Kreativität einher. Nur eines ist bei aller Zuversicht noch wichtig: Der Kranke ist oft nicht voll belastbar. Der Einstieg in die Reintegration sollte langsam verlaufen.

 

Wie kann ich einen Kranken bei der Rückkehr ins normale Leben unterstützen?

Wichtig für den Kranken sind Verständnis und eine angemessene Konfliktverarbeitung.  Dabei sollte die Störung als Krankheit angesehen werden, aber nicht jedes beliebige Fehlverhalten entschuldigen. Der Betroffene soll erkennen, dass er einen Rückhalt in seiner Umwelt hat. Deshalb sollte die Behandlung trialogisch aufgebaut sein; das heißt, sie verläuft als Zusammenspiel zwischen Arzt, Patient und Angehörigem.

Trotz dieser Maßnahmen gibt es Rückfälle. Die Quoten ohne medikamentöse Behandlung liegen bei 100%. Mit Medikation etwa bei 10-30%. Es ist also wichtig, für den Ernstfall einen Notfallplan zu erarbeiten; der individuelle Frühwarnsymptome aber auch wichtige Telefonnummern und Anschriften enthält. (Ein solcher Krisenbewältigungsplan findet sich im Anschluss.)

Intervalle in der ärztlichen Betreuung richten sich nach dem konkreten Bedarf. Ist man über einen langen Zeitraum stabil, muss man die Praxis seltener aufsuchen. Abschließend ist leider festzustellen, die bipolare Erkrankung ist nie ganz ausgeheilt. Deshalb sind eine stete Therapie und die regelmäßige Begleitung durch einen niedergelassenen Facharzt so wichtig.

 

 

Notfallplan / Krisenbewältigungsplan für Patienten mit Krankheitserfahrung:

  • Unter welcher Erkrankung leide ich?
  • Was waren die gängigen Frühwarnzeichen und Symptome bei früheren Schüben meiner Erkrankung?
  • Was muss ich tun, wenn ich in der Krise bin? Wen muss ich anrufen und welche Strategien haben mir bisher geholfen?
  • Welche Angehörigen müssen informiert werden? Wer sind die Personen meines Vertrauens? (Name, Anschrift und Telefon)
  • Zu welchen ambulanten Diensten gibt es einen Kontakt? Wer ist der behandelnde Facharzt? Wer vertritt den Facharzt in Notfällen bei dessen Abwesenheit? Wie erreiche ich die Nervenklinik im Falle einer Notaufnahme? (Name, Anschrift und Telefon)
  • Welche Medikamente helfen in der Krise und in welcher Dosis?
  • Welche Medikamente nehme ich regelmäßig und in welcher Dosis?
  • Welche Medikamente vertrage ich nicht?