Gerontopsychiatrie

Demenz und Depression im Alter: Erkennen und behandeln

Ältere Frau lächelnd sitzend

GERONTOPSYCHIATRIE. Unsere Gesellschaft altert. Der Anteil der Über-Sechzigjährigen wird im Jahr 2050 auf etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung ansteigen. Die medizinische Versorgung älterer Menschen rückt vermehrt in den Fokus – und damit auch die gerontopsychiatrische Arbeit. Der Begriff „Gerontopsychiatrie“ stammt aus dem Griechischen und ist ein Fachgebiet der Psychiatrie. Sie beschäftigt sich vornehmlich mit Menschen im höheren Lebensalter, die an einer seelischen Erkrankung, wie zum Beispiel an einer Demenz oder Depression leiden. Hierüber befragte InnenLeben den Experten Oliver Rosenthal. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Leiter der Abteilung Seelische Gesundheit im Alter im Klinikum Wahrendorff in Sehnde bei Hannover.

 

 

InnenLeben: Leiden Menschen mit zunehmendem Alter häufiger an psychiatrischen Erkrankungen?

Oliver Rosenthal: Grundsätzlich können alle psychischen Störungen des mittleren Lebensalters auch bei Menschen höheren Lebensalters auftreten. Folgt man den vorliegenden Studien, so leidet in Deutschland circa ein Viertel der über 65jährigen an einer psychiatrischen Erkrankung. Obwohl die Häufigkeit psychischer Störungen in dieser Altersgruppe damit im Vergleich zu jüngeren Erwachsenen nicht erheblich größer ist, ist die Wahrscheinlichkeit, im Alter erstmals eine psychische Krankheit zu erleiden, größer als im Erwachsenenalter.

 

Oliver Rosenthal

Unser Interviewpartner:

Oliver Rosenthal

Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Leiter der Abteilung Seelische Gesundheit im Alter im Klinikum Wahrendorff in Sehnde bei Hannover.

InnenLeben: Sind die Ursachen für die psychiatrischen Erkrankungen im Alter bekannt?

Oliver Rosenthal: Die Zunahme des psychiatrischen Erkrankungsrisikos im Alter ist im Wesentlichen auf die erhöhte Wahrscheinlichkeit zurückzuführen, an einer psychischen Erkrankung zu leiden, die organische Ursachen hat. Dazu zählen vor allem Demenzen. Aber auch depressive Erkrankungen spielen bei älteren Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

 

InnenLeben: Welche Symptome treten bei einer Demenz auf?

Oliver Rosenthal: Die Alzheimer-Demenz, und in ähnlicher Weise auch anderen Demenzformen, beginnen häufig mit einer zunehmenden Vergesslichkeit. Betroffene haben zudem auch Probleme mit ihrer Orientierung und Antriebsstörungen. Ferner lässt das alltägliche Funktionsniveau nach, also die allgemeinen psychischen, sozialen und beruflichen Funktionen und Fertigkeiten. Neben diesen sogenannten kognitiven Defiziten können auch depressive Symptome auftreten.

In frühen Demenzstadien versuchen Betroffene häufig ihre kognitiven Defizite zu verbergen. Sowohl Angehörige als auch Betroffene fassen kognitive Beeinträchtigungen im Alter oft als Teil eines normalen Alterungsprozesses auf, sodass sie oft erst bei Zunahme der Beschwerden und des Leidensdrucks zum Arzt gehen.

 

InnenLeben: Und wie macht sich eine Depression im Alter bemerkbar?

Oliver Rosenthal: Die Hauptsymptome bei Depressionen im Alter sind Verlust von Freude und Interesse, gedrückte Stimmung sowie verminderte Energie beziehungsweise Antriebsverlust. Eine Lebensmüdigkeit, fachsprachlich Suizidalität, kann bei jeder Depression phasenweise, aber auch chronisch, in Erscheinung treten. Weitere Symptome können Schuldgedanken, innere Unruhe und wiederkehrende Ängste sein.

 

InnenLeben: Wie werden eine Demenz und eine Depression im Alter diagnostiziert?

Oliver Rosenthal: Ein Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten ist gerade in der Hausarztpraxis eine häufig vorgetragene Beschwerde. Nicht immer steckt dahinter eine Erkrankung beziehungsweise eine Demenz. Daher führen wir die diagnostischen Maßnahmen besonders sorgfältig durch. Diese beginnen mit einer ausführlichen Befragung des Betroffenen, aber auch des Angehörigen. Hinzu kommen internistische und neurologische körperliche Untersuchungen und eine sogenannte neuropsychologische Untersuchung. Dazu gehören Tests, die die Anzahl der vorhandenen kognitiven Defizite zeigen, eine Laboruntersuchung sowie die Bildgebung des Gehirns durch eine Computer- oder Kernspintomographie.

Die Diagnosestellung einer Depression unterscheidet sich nicht wesentlich von der einer Demenz. Sie beginnt ebenfalls mit einem ausführlichen Gespräch. So erhalten wir ein genaues Bild über die einzelnen Symptome, die den Betroffenen belasten. Mit Hilfe von Fragebögen können diese Symptome noch konkreter dargestellt werden. Bei der Diagnostik einer Depression kommt es ebenfalls zu einer körperlichen Untersuchung, einer Laboruntersuchung sowie einer Bildgebung, um mögliche organische Ursachen ausschließen zu können.

 

InnenLeben: Wie behandeln Sie Demenz und Depression im Alter im Klinikum Wahrendorff im Allgemeinen?

Oliver Rosenthal: Die Bedürfnisse von Menschen, die an einer Demenz erkranken, sind komplex und verändern sich mit dem Fortschreiten der Erkrankung. Ebenso vielfältig sind die Therapieansätze. Neben Arzneimitteln werden in der Abteilung Seelische Gesundheit im Alter im Klinikum Wahrendorff insbesondere auch nicht-medikamentöse Verfahren eingesetzt. Gerade diese Behandlungen ohne Medikamente sind ein wichtiger Bestandteil der Therapie. So können sie Menschen mit einer Demenzerkrankung zu einer subjektiv empfundenen Lebensqualität verhelfen.

 

InnenLeben: Wie genau behandeln Sie eine Demenz?

Oliver Rosenthal: Wir versuchen die „innere Welt“ des an einer Demenz erkrankten Menschen besser verstehen zu können. Daher stehen am Anfang der Behandlung eine umfassende Verhaltensanalyse sowie eine ausführliche Biographie-Arbeit.

Die nicht-medikamentöse Therapie beinhaltet die sogenannte Validation. Das ist eine Gesprächstechnik, die einen Zugang zur Erlebniswelt von Menschen mit einer Demenz ermöglicht. Ein weiterer Ansatz ist die basale Stimulation, die über eine gezielte Reizung der Sinne die eingeschränkte Wahrnehmung fördert und aktiviert. Weiterhin kommt die Erinnerungspflege zur Anwendung, beispielsweise im Rahmen einer Genussgruppe. Ein weiterer Ansatz ist die Aromatherapie, die zur Anregung von Sinneseindrücken führen soll. Die kontrollierte Anwendung von ätherischen Ölen, beispielsweise in Verbindung mit einer Handmassage, können beispielsweise bei Schlafstörungen oder einer inneren Unruhe eingesetzt werden. Ein weiterer Therapieansatz ist die Musiktherapie. Sie wird zunehmend in der Pflege demenzerkrankter Menschen angewendet. Der Musik werden neben strukturierenden Eigenschaften auch erinnerungsauslösende und bewegungsfördernde Effekte zugeschrieben.

 

InnenLeben: Wie genau behandeln Sie eine Altersdepression?

Oliver Rosenthal: Eine Altersdepression ist gut behandelbar – vorausgesetzt, sie wird richtig und frühzeitig diagnostiziert. Bei der Behandlung einer Altersdepression stehen ebenfalls neben der medikamentösen Therapie die nicht-medikamentösen Therapieangebote im Vordergrund. Diese umfassen in der Abteilung Seelische Gesundheit im Alter psychotherapeutische Einzel- und Gruppengespräche, Sportangebote, die Ergotherapie, die Aromatherapie, die Akupunktur, aber auch die Musiktherapie.

Insgesamt ist der Behandlungserfolg bei einer Altersdepression besser geworden: 25 Prozent aller Betroffenen gelten nach einer Therapie als gesund und erfreuen sich an ihrer wiedererlangten Lebensqualität. Dennoch sollte bedacht werden, dass ältere Menschen ein höheres Risiko für einen Rückfall haben als jüngere Menschen. Deswegen ist es wichtig, dass nach einem Krankenhausaufenthalt eine ambulante psychiatrische Weiterbehandlung wahrgenommen wird.