Grenzlinien

Das Borderline-Syndrom

Foto. Frau vor Tapete, lachend.

GRENZLINIEN. Das Borderline-Syndrom oder die emotional instabile Persönlichkeitsstörung ist eine Störung der Persönlichkeit, die viele Bereiche der menschlichen Psyche betrifft. Zum einen liegt bei der Borderline-Persönlichkeit immer eine Persönlichkeitsstörung zugrunde. Zum Zweiten kommen bei dieser Störung noch destruktive Elemente oder Tendenzen der Selbstverletzung hinzu.

 

Dr. Susanne Bachtahaler

Autorin:

Dr. Susanne Bachtahaler

Ärztin im Zentrum für Psychiatrie - Sinovaklinik in Ravensburg

Von außen und mit Abstand betrachtet scheinen Menschen mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung völlig unangemessen auf äußere Reize zu reagieren. Kleinste Anlässe enden in Wutausbrüchen oder auch übertriebener Freude. Dies gilt unter Umständen auch dann, wenn ein Reiz ausbleibt. Wird ein Lob zum Beispiel für eine Klassenarbeit nicht erteilt, reagieren Menschen mit einer emotionalen Persönlichkeitsstörung unter Umständen mit einem Wutausbruch oder extremer Traurigkeit. Auch Klammerfreundschaften oder extreme Ablehnung von Menschen können häufig beobachtet werden.

 

Der impulsive Typ

Ob ein Mensch einfach nur ein impulsiver Typ ist oder ob er eine Störung der Persönlichkeit hat, kann letztlich nur eine ausführliche Anamnese und Diagnostik ans Tageslicht bringen. Und dabei gilt, dass die Übergänge, wie immer im Leben, fließend sind. Stabile Hinweise gibt das sogenannte phänomenologische Raster bei Persönlichkeitsstörungen. Es unterscheidet fünf Symptome. Werden bei einem Patienten mindestens drei Symptome beobachtet, muss davon ausgegangen werden, dass eine emotional instabile Persönlichkeit vorliegen kann. Im Folgenden werden die Symptome umgangssprachlich formuliert:

 

  1. Werden Handlungen vorgenommen, ohne über deren erhebliche Reichweite nachzudenken?
    2. Werden immer wieder, sich selbstverstärkende, aber grundlose Streitereien eingegangen?
    3. Kommt es immer wieder zu, auch gewalttätigen, Wutausbrüchen?
    4. Auch bei bewältigbaren Aufgaben fehlt es am Durchhaltevermögen. Am Anfang ist alles super und toll. Aber schon nach wenigen Schritten ist alles langweilig?
    5. Häufige und starke Stimmungsschwankungen

Das Borderline

Treten zu diesen Störungen auch selbstschädigende Tendenzen oder Handlungen hinzu sprechen Mediziner auch von einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typs, kurz Borderline-Persönlichkeitsstörung oder BPS. „Typische Gedanken von Betroffenen sind – Ich verdiene es nicht auf der Welt zu sein“, sagt Dr. med. Susanne Bachthaler, Zentrum für Psychiatrie – Sinovaklinik in Ravensburg. „Oder ich bin schlecht, deshalb zerstöre ich mich.“ Zu den Selbstverletzungen zählen nicht nur die in der Öffentlichkeit bekannten Schnittverletzungen. Übermäßiges und schlechtes Essen kann genauso dazu gehören wie Hungern, Entwicklung von Suchtverhalten mit Drogen- oder Alkoholkonsum und gefährliche Handlungen. Allen sind die Bilder von S-Bahnsurfern etc. vor Augen.

Die Anzeichen

Auch für die Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt es ein phänomologisches Raster, das starke Hinweise auf eine Erkrankung gibt, wenn mindestens drei der fünf Anzeichen zutreffen.

 

  1. Die Persönlichkeit wird selbst stark abgewertet.
    2. Betroffene umgeben sich mit Menschen, die selbst gescheitert sind oder ziemlich sicher scheitern werden.
    3. Alleine sein ist unmöglich. Es werden immer wieder Klammerfreundschaften ohne jegliche Distanz eingegangen. Sie opfern sich für die Beziehung auf.
    4. Mit Selbstmordbotschaften werden andere Menschen gebunden oder Aufmerksamkeit erweckt.
    5. Die Selbstdefinition erfolgt über andere.

Die Innensicht

Menschen die an Borderline erkrankt sind, haben oft extreme Stimmungsschwankungen, die zu starken inneren Anspannungen führen können. Drogen, Schmerz, extremes Risiko können diese Spannungen oft rasch und zuverlässig lösen. Darin liegt auch die Gefahr. Ein Teufelskreis entsteht. Denn das Wohlergehen in der Entspannung führt immer wieder dazu, die spannungslösenden Aktivitäten zu entfalten. Hierin steckt eine ganz große Gefahr, ein Suchtproblem aufzubauen.

Die Auslöser

Inzwischen ist gesichert, dass sowohl genetische als auch soziale Faktoren für Borderline-Erkrankungen verantwortlich sind“, sagt Dr. med. Susanne Bachthaler. „Viele wurden missbraucht, körperlich und seelisch vernachlässigt oder gedemütigt. Sehr häufig werden Selbstmordversuche unternommen.“

Die Therapie

„Borderliner ecken mit ihrem extremen Verhalten immer wieder an“, betont Dr. Susanne Bachthaler. „Das verstärkt die Probleme im und mit dem Umfeld immer weiter.“ Ein Beispiel macht dies deutlich: Je stärker sie Menschen an sich binden wollen, umso schneller werden diese wieder gehen. Deshalb zielt die Therapie auch darauf ab, den Eigenanteil am Verhalten der Umwelt zu verstehen, zu erkennen und im besten Fall regulieren zu können. Hinzu kommt, einen besseren Umgang mit sich selbst und die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse wieder zu lernen.