Autismus

Autismus ist nicht nur „Rain Man“
 

Illustration Puzzleteile Kopf

„Du siehst überhaupt nicht autistisch aus.“

„Ach so? Wie sieht denn ein Autist aus?“

„So wie ‚Rain Man‘. Außerdem redest du zu viel für einen Autisten.“

„Ja, ich kann reden. In der achten Klasse habe ich sechs Sprachen gesprochen. Und jetzt schreibe ich Romane.“

„Dann eben so ein autistisches Wunderkind.“

 

„Savant Syndrom“, landläufig bekannt als „Inselbegabungen“, geht tatsächlich gern mit Autismus einher. Bei den Savants sind überdurchschnittlich viele Autisten vertreten – nur heißt Autismus nicht unbedingt, dass man außergewöhnlich intelligent ist. Eher „anders intelligent“.

 

Nicht dumm, nicht stumm, kein Wunderkind … Was bleibt dann noch? Was unterscheidet autistische von „normalen Menschen“? Und welcher Möchtegern-Professor möchte uns hier eigentlich belehren?

 

Ich bin Eva, 36 Jahre alt und unauffälliger, gut angepasster Autist. Aus der „Keiner-versteht-mich“-Teenagerphase bin ich nie rausgekommen, fühle mich immer noch wie in einem fremden Land, wo keiner meine Sprache spricht. Ich war schon als Kind immer sehr mit mir selbst beschäftigt, aber irgendwann so in der zehnten Klasse kam auch bei einem Einsiedlerkrebs mal das Bedürfnis durch, gemocht zu werden. Nur: Keiner konnte mich leiden. Weil ich irgendwie anders war. Also lernte ich, mich anzupassen. Ich hörte zu, ahmte nach, kaufte Bücher über Körpersprache und Mimik. Lernte, an den richtigen Stellen zu lächeln oder ein betroffenes Gesicht zu machen.

 

Es funktionierte. Ich wurde eine sehr gute Schauspielerin. Leute mögen mich. (Kein Wunder, ich lächle ständig und habe eine offene Körperhaltung und Mimik.) Die Fremdsprache wurde zu einer zweiten Natur. Fast mein gesamter Bekanntenkreis kennt nur meine Fassade. Ich möchte betonen, dass meine Offenheit und Herzlichkeit nicht gespielt sind. Ich mag Menschen sehr und habe lediglich gelernt, meine Gedanken in eurer „Sprache“ auszudrücken.

 

Auf Autismus ist nie einer gekommen. Autismus macht einen schließlich zum „Dorftrottel“, da zählt es auch nicht, dass ich studiert habe und ein Kapitänspatent besitze. Man ist „behindert“. Ursache sind Mütter, die ihren Babys nicht genug Liebe haben zukommen lassen – oder zu viele Impfungen, sucht euch was raus. Damals war nicht bekannt, dass das Gehirn von Autisten lediglich ein bisschen anders vernetzt ist, und das wahrscheinlich genetisch bedingt. Am Impfen oder Mütterverhalten liegt es jedenfalls nicht.

 

Seit anderthalb Jahren beschäftige ich mich ausführlich mit den Unterschieden zwischen Autisten und sogenannten „neurotypischen“ Menschen. Ich schreibe charakterbasierte Romane und bin über meine Leser auf meinen Autismus aufmerksam geworden. Meine Figuren verhielten sich „so komisch“, so denke und fühle doch niemand. Ich darauf: „Wieso, ist doch ganz normal?“ Vielleicht nicht ganz.

 

Um meine Geschichten einem breiten Publikum zugänglich zu machen, habe ich ausgiebig erforscht, was uns unterscheidet und wie wir den – mitunter recht tiefen – Graben zwischen uns überbrücken können. Wir werden zwar nie auf die andere Seite gelangen, aber vielleicht können wir uns in der Mitte treffen und uns die Hände reichen, was meint ihr?

 

Mit den Klischees haben wir schonmal aufgeräumt. Nichtsdestotrotz: Irgendwo müssen die ja herkommen. Zum Beispiel aus den Diagnosekriterien zur „Autismus-Spektrum-Störung“:

  • Sprachprobleme
  • Andere Intelligenz, weites Spektrum von verminderter Intelligenz zu überdurchschnittlicher Intelligenz, auch Inselbegabungen
  • Probleme im Sozialverhalten: Was ist „angebracht“? Wie deute ich Gestik/ Mimik?
  • Andere Emotionen
  • Sinnesverarbeitungsstörung: Andere/ verstärkte Sinneswahrnehmung, Synästhesie

 

Nicht jeder Autist ist gleich, deshalb ist der Name „Spektrum“ wirklich treffend. Einige Punkte finden sich jedoch häufig wieder – schauen wir sie uns doch einmal an. Beginnen wir mit der „Sinnesverarbeitungsstörung“:

Kennt ihr das, wenn ihr reizüberflutet seid? Bei uns ist das ein Dauerzustand. Schön und anstrengend – und manchmal unerträglich. Dann laufen im Lebensfernseher zehn Sendungen gleichzeitig.

 

Manche Sinneseindrücke sind so wunderbar, dass wir ihnen förmlich hinterherrennen. Wir sind dann wie kleine Kinder, die Löcher in die Luft starren (weil die Landschaft so schön ist) oder vor sich hinsummen (weil uns der Ton beruhigt oder wir uns besser konzentrieren können). Manche Sinneseindrücke machen uns einfach nur platt oder sorgen für großes Unbehagen. Dann verfallen manche in eine Art Starre, andere können noch schnell genug „flüchten“.

 

Als Erwachsener lernt man, früh auf drohende Überreizungen zu reagieren. Wir haben die Freiheit, unser Leben an unsere Bedürfnisse anzupassen – für Kinder, deren Eltern das Ganze kaum einordnen können, ist es viel schwieriger. Hier ist es wichtig, für reizarme Umgebungen zu sorgen. Oder die Reize, die dem Autisten guttun, aktiv zu verstärken. Im Gegensatz zum Klischee haben wir nämlich Gefühle. Nur – ihr ahnt es schon – ein bisschen anders.

 

Durchs Schreiben über „normale“ Menschen habe ich gelernt, welch unglaublichen Reichtum an Emotionen ihr in euch tragt und wie viele unlogische Dinge er euch tun lässt. Bei uns beschränkt sich das auf eine Handvoll von Gefühlen, z.B. Freude. Wir können uns über die unscheinbarsten Dinge freuen wie ein kleines Kind. Dann klatschen wir in die Hände und tanzen eine halbe Stunde lang auf der Stelle, weil z.B. ein Kristall so schön glitzert. Als Kind lernt man jedoch schnell, das zu unterdrücken. „Komm mal wieder runter“, heißt es dann. Man lernt normalisiertes Sozialverhalten, wo überschäumende Gefühle nicht hingehören. Außer, man heiratet oder hat ein Baby auf dem Arm, da darf man dann wieder.

 

Wut – so wirkt es nach außen, ist aber eigentlich „Hilflosigkeit“. Ein wirklich hässliches Gefühl. Wenn man etwas nicht ändern kann, wenn man das Problem nicht lösen kann, egal, wie sehr man seinen Verstand anstrengt – das ist für mich eines der unangenehmsten Gefühle. Da dreht sich alles in meinem Kopf und ich muss mich echt zusammenreißen.

 

Ähnlich geht es mir übrigens, wenn die Außenwelt unlogisch ist/ handelt. Ihr habt im Leben gelernt, wie wichtig es ist, seine Gefühle zu maskieren. Dass man mehr mit Körpersprache sagt als mit Worten, dass man zwischen den Zeilen lesen muss – das ergibt für uns keinen Sinn und macht es uns schwer, uns in „neurotypische“ Menschen hineinzuversetzen.

 

Ihr seht also, es sind weniger die unterschiedlichen Emotionen oder Sinneswahrnehmungen als vielmehr die beiden Pole Direktheit (aus Einfachheit/ Klarheit) und Masken (um höflich zu sein und nicht anzuecken), die das meiner Meinung nach größte Potenzial für Missverständnisse zwischen unseren Welten beherbergen. Uns Autisten fällt es sehr schwer bzw. ist es unmöglich, euch in diesem Punkt vollumfänglich zu verstehen – hier müsst ihr einen Schritt mehr auf uns zu machen. Wir bieten euch dafür klare Direktheit und Denken außerhalb eingefahrener Schubladen. Kommt mit auf das Abenteuer in der Mitte der Brücke, die wir gemeinsam gebaut haben!

 

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*Dieser Artikel enthält Auszüge aus dem Buch „Autismus – eine Bedienungsanleitung“, Veröffentlichung im Herbst 2018.