Forschung

Alles Schein – warum Placebos wirken!

Nahaufnahme Pillenkapsel

FORSCHUNG. Der Volksmund sagt, Glauben versetzt Berge. Neueste Forschungen zeigen: Das gilt auch in der Medizin – zum Teil. Lesen Sie hier, wie Scheinmedikamente wirken können.

 

Scheinmedikamente, auch Placebos genannt, sind Medikamente die keinen Wirkstoff enthalten. Sie können daher eigentlich keine Wirkung bei Patienten auslösen. Placebos werden in Studien immer dann eingesetzt, wenn die tatsächliche Wirkung von Medikamenten genauer untersucht werden soll. Vereinfacht ausgedrückt wird dabei einem Teil der Testpersonen der Wirkstoff verabreicht. Dem anderen Teil wird das Placebo gegeben. Das Besondere dabei ist meist, dass weder der Arzt noch die Testperson weiß, welche Testperson das Placebo oder den Wirkstoff bekommen hat. Aus dem Vergleich der beiden Gruppen, können die Forscher dann die echte Wirkung des Medikaments viel besser abschätzen – so die Vermutung.

 

 

Prof. Dr. Manfred Schedlowski

Unser Interviewpartner:

Prof. Dr. Manfred Schedlowski

Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen.

Die Placebo-Antwort

So einfach ist der Zusammenhang zwischen Wirkstoff und Wirkung aber nicht immer. Ein Versuch mit Ratten hat nämlich erstaunliche Ergebnisse gebracht. In dem Versuch wurde zwei Gruppen von Ratten ein Medikament gegeben, das die Immunabwehr des Körpers reduziert. Der Testgruppe wurde gleichzeitig wohlschmeckendes Zuckerwasser angeboten. Wohingegen der Kontrollgruppe nur das Medikament verabreicht wurde. In beiden Gruppen sank die Immunabwehr wie erwartet ab. Dann wurde bei beiden Gruppen das Medikament absetzt, aber bei der Testgruppe die Gabe der Zuckerlösung beibehalten. Das Ergebnis: Die Immunabwehr in der Kontrollgruppe stieg wie erwartet wieder an. In der Testgruppe blieb die Immunabwehr über einen gewissen Zeitraum hinweg deutlich reduziert. „Damit ist der sogenannte Placebo-Effekt beziehungsweise die Placebo-Antwort endgültig beweisen“, sagt Prof. Dr. Manfred Schedlowski, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen. „Jetzt gilt es, die Erkenntnisse rund um die Placebo-Antwort in die Therapiepläne zu integrieren.“

 

 

Die Effekte

Die Ergebnisse aus den Tierversuchen wurden in Untersuchungen mit Menschen vollständig bestätigt. Unklar ist aber nach wie vor, was die Placebo-Antwort genau auslöst. „Wir gehen derzeit von drei Faktoren aus“, sagt Prof. Schedlowski. „Zum einen ist die Information und Kommunikation durch den Therapeuten extrem wichtig. Zum zweiten ist das Vertrauen in die Wirkung der Therapie für deren Erfolg mit entscheidend. Zum dritten spielen Lernprozesse eine ganz wichtige Rolle.“ Je höher das Vertrauen in die Therapie ist, umso besser ist die Therapietreue und die Duldsamkeit von Nebenwirkungen bei den Patienten. Beides kann durch eine gute und auf den Patienten ausgerichtete Kommunikation erreicht werden und sichert damit den Therapieerfolg gut ab. Lernprozesse können am Beispiel von Kopfschmerztabletten gut verdeutlicht werden. Über die Wirkung von Kopfschmerztabletten wird immer wieder diskutiert. „Das ist aber nicht alleine entscheidend“, betont Prof. Schedlowski. „Hat der Patient nämlich mit einer bestimmten Tablette öfters gute Erfahrungen gemacht, wird er von der Tablette immer profitieren – weil er es gelernt hat.“

 

 

Placebos nutzen

Derzeit werden zahlreiche Studien zum Placebo-Effekt durchgeführt. „Wir wissen genau, dass es einen Effekt gibt, wissen aber noch nicht, wie wir ihn genau einsetzen können“, sagt Prof. Schedlowski. „Erste Ergebnisse zeigen, dass wir, über alles hinweg gesehen, ungefähr 30 bis 40 Prozent der Medikamentenwirkung mit einer Placebo-Antwort ersetzen könnten.“ Im Bereich der Depressionen, Schizophrenie und Autismus können die Placebo-Antworten in manchen Fällen sogar so ausgeprägt sein, dass ganz auf die Wirkstoffe verzichtet werden kann. Allerdings gibt es für diese Effekte noch keine Marker. Das heißt, dass der Effekt nicht im Vorfeld der Behandlung bestimmt werden kann. Daher muss sich der Patient und Therapeut vorsichtig und Schritt für Schritt heran tasten. Viel spricht dafür, dass der Placebo-Effekt dann am größten ist, wenn der Therapeut ausführlich mit dem Patienten über die Erkrankung und Therapie spricht. Dies kann unter Umständen ein Erklärungsansatz dafür sein, warum Heilpraktiker oft heilend behandeln können. „Entscheidend ist aber, dass ein Placebo-Effekt Medikamente und Therapien nicht ersetzen sondern meist nur stützen kann“, betont Prof. Schedlowki. „Dies gilt insbesondere für ernste und lebensbedrohliche Erkrankungen.“