ADHS

ADHS – Eine Mutter erzählt

Kind schlägt Purzelbaum

ADHS. Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) ist unsichtbar – aber alle spüren sie. Wird sie nicht erkannt, treffen Eltern, Lehrer und Freunde oft falsche Entscheidungen. Eine Mutter erzählt wie sie die ADHS ihres Sohnes in den Griff bekommt.

 

Als ich jung war und mir ein Kind wünschte, dachte ich an ein süßes Baby. Es wird zu einem niedlichen Kleinkind, zu einem fröhlichen Kind, zu einem lustigen Teenager. Schließlich wird ein ausgeglichener und begabter junger Mensch aus dem Baby.

 

Und ich darf es miterleben, darf dabei sein – mein Kind!

 

Ich dachte damals nicht daran, dass mein Kind vielleicht ganz anders sein könnte.
Ich wusste natürlich, dass Kinder mit einer Behinderung auf die Welt kommen können und manchmal schlich sich dieser Gedanke klammheimlich während meiner Schwangerschaft in mein Bewusstsein.
Aber nein – es ging alles gut. Ein wunderschönes, kerngesundes Baby mit Normmaßen und einem ausgeglichenen Wesen wurde mir geschenkt.

 

Wir erlebten wunderschöne Jahre – mein Sohn wurde über ein Jahr gestillt, entwickelte sich prächtig, war fröhlich, schlief nach einem halben Jahr durch und beschäftigte sich wunderbar zunächst mit seinen kleinen Füßen und später mit Legosteinen selbst, während ich im gleichen Zimmer arbeitete.

 

Er lernte schnell und ich dachte, dass er es in der Schule bestimmt mal leicht haben wird.

So kann man sich täuschen.

 

Doch zuerst kommt der Kindergarten. Dort fühlt er sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wohl – er geht gerne hin. Er konnte es irgendwie besser mit Mädchen – das fand ich eher lustig als merkwürdig. Für sein Alter ist er damals schon verdammt schlau und hat einen großen Wortschatz – er kann sich sehr gut ausdrücken. Während des Gottesdienstes nutzte er den Altar als Versteck und ich durfte ihn an den Füßen darunter hervorziehen. Das konnte man ja mit Humor sehen …

 

Er hat tolle Ideen. Und ich dachte damals: Er wird bestimmt mal was ganz Großes. Und das ist er auch geworden. Dumm nur, dass es außer mir niemand sieht…


In der Vorschulzeit wird es ungemütlich. Er fällt negativ auf weil er exzessiv mit üblen Schimpfwörtern um sich wirft. Bis heute weiß ich nicht, wo er die aufgeschnappt hat. Anfangs ist es mir auch peinlich, wenn ich darauf angesprochen werde … aber nach gefühlten 500 Mal nehme ich es nicht mehr persönlich. Er ist sehr impulsiv. Wenn er sich ärgert, bekommt er „Sprechdurchfall“.

 

So richtig übel wird es, als er in die Schule kommt. Er redet immer wieder dazwischen, nimmt seinen Nebensitzern den Radiergummi weg, fuchtelt mit seiner Schere herum – und malt ständig Bilder. Die Sache mit den Schimpfwörtern macht es auch nicht besser. Zu der Zeit werde ich öfters einbestellt, höre mir die Klagen an und wundere mich. Wundere mich, weil es zu Hause mit ihm keine großen Probleme gibt. Ich komme ganz gut mit ihm klar.

 

Schon bald bekommt er Angst davor, in die Schule zu gehen. Angst, dass ihm andere Jungs auflauern und ihn verhauen, Angst vor … ja, wovor? Heute weiß ich, dass es eine Tortur für ihn gewesen ist. Ständig wird er ermahnt – bestraft für Dinge, die er nicht versteht.

 

In der zweiten Klasse sagt eine Lehrerin zu mir, dass sie ein Buch über ADHS gelesen habe – das würde passen. Ob er das vielleicht hat? Man könnte das mit Medikamenten behandeln und dann wären diese Kinder wie die anderen Kinder und würden nicht mehr unangenehm auffallen und alle stören. Ich höre mir das ruhig an – aber innerlich bin ich entsetzt! Ich soll meinem Kind ein Medikament geben, damit es nicht stört – das war ja eine abartige Vorstellung!

 

Nach der zweiten Klasse wechselt er die Schule – das war sehr schwierig zu organisieren, aber ich will unbedingt, dass es besser für ihn wird.

 

In der neuen Schule fängt es auch gut an. Dort ist eine ältere Lehrerin, die es unglaublich gut „mit ihm kann“ – er fühlt sich wohl und geht gerne in die Schule. Ich bin erst mal froh. Doch nach ein paar Monaten wird die Lehrerin krank. Sie kommt nicht wieder. Und die anderen Lehrer kommen mit ihm auch nicht klar. Auch eine Ergotherapie ändert nichts. Er wird psychologisch gecheckt und besucht ein Jahr lang jede Woche eine Kinderpsychologin. Die spielt mit ihm und erklärt mir im Elterngespräch, dass es ADHS und diese ganzen modernen Sachen gar nicht gibt. Die Kinder sind so, weil die Eltern sich nicht verstehen …

Das ändert aber auch nichts daran, dass er sich mittlerweile in der Schule so unangepasst verhält, dass ich monatlich zu Elterngesprächen bestellt werde und dann irgendwann der Vorschlag kommt, mein Kind solle doch besser eine „Schule für Erziehungshilfen“ besuchen – eine Schule für Kinder mit sozial-emotionalem sonderpädagogischen Förderbedarf. Dort könnte man mit solchen Kindern umgehen und es würde ihm bestimmt auch gut tun. Als ich ein Klassenzimmer der nächstgelegenen E-Schule betrete, lese ich ein mit krakeliger Schrift geschriebenes Plakat: „Wir werfen nicht mit Stühlen.“ Ich bin entsetzt.

 

Also geht mein Kind weiter auf die „normale“ Grundschule. Am Anfang der vierten Klasse rotten sich mehrere Mütter zusammen und führen mit mir „ein ernstes Gespräch“: entweder ich schicke mein Kind woanders hin oder ich gebe ihm Medikamente, damit es ihre Kinder nicht mehr beim Lernen stört. Schließlich sollen die es ja aufs Gymnasium schaffen. Es schlägt mir ein Hass entgegen, wie ich es bis heute nie wieder in meinem ganzen Leben erlebt habe.

 

Ein großes Problem ist, dass andere Menschen nicht einsortieren können, was mit deinem Kind los ist. Wäre es eindeutig behindert, hätten sie vielleicht sogar Mitleid mit dir. Aber ADHS sieht man den Menschen nicht so an.

 

Mittlerweile ziehe ich natürlich längst in Erwägung, dass er ADHS haben könnte – doch es gibt keinen „Test auf ADHS“. Da erzählt mir ein Vater eines der wenigen Freunde, die mein Kind noch hatte, ein Sonderpädagoge, von einem ganz speziellen Programm für ADHS-Kinder und ihre Angehörige mit vorhergehender Diagnostik.

 

Das Programm nennt sich integrierte sequentielle Rehabilitation (iSqR). Es ist eine mehrstufige Therapie auf dem Feldberg. Erste Phase: Diagnose. Zweite Phase nach ein paar Wochen: Therapie. Und dritte Phase nach ein paar Monaten: Therapie mit Überprüfung der Umsetzung des Gelernten. Danach kann man mit den Fachleuten von dort in Kontakt bleiben – sie unterstützen bei der Umsetzung im Alltag. Das machen wir – nachdem zuerst noch umfangreiche bürokratische Hürden bewältigt werden müssen …
Ich werde dort geschult, wie man mit Menschen, die ADHS haben, gut umgeht. Intuitiv hatte ich Vieles richtig gemacht – es tat gut, zu erfahren, wie es geht und mit anderen Eltern zusammen zu sein, die das gleiche Problem haben.

Nach der dritten Sequenz – mein Kind ist mittlerweile 11 Jahre alt – rät mir der Professor beim Abschlussgespräch, ihm Medikamente zu geben. „Wie eine Beißzange hat die ADHS-Therapie zwei Hebel“, erklärt er mir: „Das Gespräch und Training und Medikamente. Fehlt ein Hebel, funktioniert die Zange nicht.“ Es würde ihm helfen, besser durch „unser System“ zu kommen. Ich zweifle.
Das ausschlaggebende Argument für mich ist dann, dass er sich sonst möglicherweise unkontrolliert selbst mit Drogen therapiert, sobald er die Möglichkeit dazu haben würde.

 

Was soll ich sagen? Dieses Argument überzeugt mich.

 

Er spürt sofort, dass etwas Gravierendes mit ihm passiert, wenn er die Tablette genommen hat. Mit seinen 11 Jahren beschreibt er es so: „Es fühlt sich so an, als würde jemand einen Vorhang wegziehen und auf einmal kann ich alles ganz klar sehen.“ Seitdem nimmt er täglich Medikamente ein und geht regelmäßig zu einem auf ADHS spezialisierten Arzt.

 

Jetzt ist er 20 Jahre alt und kommt gut zurecht. Macht seine Ausbildung, die er nicht abbricht…
Und für mich ist er was ganz Großes.

 

Tina K.